Behausung – eine Annäherung| Juli 2026: Von Papierpuppen und Bildfiguren
25. Juli 2026
Liebe*r Couchgalerie-Besucher*in!
Kleidung als Behausung
Kleidung ist die Behausung, die wir unmittelbar am Körper tragen.
Sie schützt uns vor Kälte, Sonne, Blicken und manchmal auch vor der Welt. Sie kann wärmen, verbergen, schmücken, einengen oder stärken. Mit ihr zeigen wir etwas von uns – freiwillig oder unfreiwillig. Wir schlüpfen in Rollen, passen uns an, widersetzen uns, probieren uns aus. Manche Kleidungsstücke fühlen sich fast wie eine zweite Haut an, andere bleiben uns fremd.
Je länger ich mich mit diesem Thema beschäftige, desto größer wird es.
Da sind meine früheren textilen Arbeiten, die Weibsbeutel, die Krafttierröcke und all die Stoffe, die ich zusammengenäht, verändert und mit Bedeutung versehen habe. Da ist meine heutige Kleidung mit ihren Farben, Formen und wiederkehrenden Lieblingsstücken. Und da ist eine alte Erinnerung, die sich plötzlich wieder gemeldet hat.
Als Kindergartenkind musste ich wegen einer Mandeloperation ins Krankenhaus. Das dürfte irgendwann zwischen 1971 und 1974 gewesen sein. Damals blieben die Mütter nicht mit ihren Kindern im Krankenhaus. Für ein kleines Mädchen war das Alleinsein dort beängstigend – und in meiner Erinnerung auch traumatisch.
Meine Erzieherin besucht mich dort und schenkte mir Papierpuppen.
An die Puppen selbst erinnere ich mich nicht mehr. Ich weiß nicht, wie sie aussahen. Ich weiß nicht, ob ich sie überhaupt ausgeschnitten habe. Mit ungefähr fünf Jahren dürfte das Ausschneiden der kleinen Figuren und Kleider ohnehin nicht ganz einfach gewesen sein. Vielleicht habe ich nie mit ihnen gespielt.
Geblieben ist vor allem der Moment: Meine Erzieherin hatte an mich gedacht und mir etwas mitgebracht.
Trotzdem führte mich diese Erinnerung zu der Idee, für mein Jahresprojekt Behausung einen eigenen Papierpuppenbogen zu entwerfen. Eine Figur, verschiedene Kleider, Rollen und Accessoires – Kleidung als wechselbare Hülle und sichtbare Behausung.
Doch wie so oft entwickelte sich der Weg anders als geplant. Aus der Papierpuppe wurde zunächst eine Gliederpuppe. Aus der Gliederpuppe wurde meine eigene fotografierte Figur. Und aus dem geplanten Bastelbogen entstand nach und nach eine virtuelle Bildwelt.
Dieser Beitrag ist deshalb kein fertiges Ergebnis. Er ist ein Werkstattbericht über eine Erinnerung, einen Versuch und die Frage, welche Form von Spiel und Gestaltung heute tatsächlich noch zu mir passt.
Der erste Plan: ein eigener Papierpuppenbogen
Aus der Erinnerung an die Papierpuppen entstand zunächst die Idee, selbst einen solchen Bogen zu entwerfen.
Im Mittelpunkt sollte #ES, die vielbegabte hölzerne Gliederpuppe, stehen. Dazu verschiedene Kleidungsstücke, Rollen und Accessoires – Kleidung nicht nur als etwas Schönes oder Praktisches, sondern als Ausdruck, Rolle und Behausung.
Ein erster Entwurf entstand mit Unterstützung von KI. Ohne genauere Vorgaben von mir wählte sie die Supervisorin, die Textilkünstlerin, die Schreiberin, die Sammlerin und eine Schutzfigur. Dazu kamen verschiedene tierische Begleiter und Accessoires.

Die Grundidee gefiel mir. Auch einzelne Elemente sprachen mich an. Doch je länger ich den Bogen betrachtete, desto deutlicher wurde: Die Farbwelt, der Stil und manche der vorgeschlagenen Rollen passten nicht zu mir.
Also druckte ich den Entwurf aus und versah ihn mit handschriftlichen Anmerkungen. Ich markierte, was bleiben durfte, was sich fremd anfühlte und welche Fragen offen waren. Der Ausdruck wurde damit weniger zu einem fertigen Entwurf als zu einer Arbeitsfläche.
Gleichzeitig wollte ich nicht nur über Papierpuppen nachdenken, sondern sie tatsächlich ausprobieren. Deshalb bestellte ich mir zwei Hefte mit Papierpuppen und Kleidungsstücken zum Ausschneiden.
Ich wollte wissen, ob sich darüber etwas von dem früheren Spiel wiederfinden oder vielleicht sogar nachholen ließe.
Noch wusste ich nicht, dass gerade dieser praktische Versuch später zu einer ziemlich klaren Antwort führen würde.
Während ich noch überlegte, wie ich den Papierpuppenbogen weiterentwickeln könnte, verschob sich mein Interesse. #ES – die vielbegabte Gliederpuppe als Stellvertreterin reichte mir plötzlich nicht mehr. Ich wollte nicht länger nur eine Figur einkleiden, sondern mich selbst in eine andere Bildwelt setzen.
Der nächste Schritt: Ich selbst als Figur
Der Prozess in seinen Schritten
1. Ich habe mich fotografiert
Am Anfang stand ein einfaches Foto von mir selbst: in meiner Kleidung, vor dem Spiegel aufgenommen.
Mir war klar, dass ich für eine klassische Paper Doll eigentlich eine eindeutige, möglichst gleichbleibende Position einnehmen müsste. Dafür hätte mich jemand fotografieren müssen – oder ich hätte mit Stativ und Selbstauslöser arbeiten können.
Doch das wäre deutlich aufwendiger geworden. Und dieser Aufwand war mir, mal wieder, schlicht zu groß. Also nahm ich das, was bereits da war: mein Spiegelselfie.

2. Ich habe mit Canva experimentiert
Dann begann das Verschieben in eine andere Bildwelt.
Als Erstes sollte das Handy verschwinden. Dafür ließ ich Canva meine Figur in eine seitliche Position drehen. Aus dem ursprünglichen Spiegelselfie wurde so eine freigestellte Figur, die sich besser in eine neue Szene einfügen ließ.

3. Ich habe das Kornfeld, die Krähen und den erhobenen Blick hinzugefügt
Im nächsten Schritt kam mein eigenes Kornfeldfoto dazu.

Danach fügte ich die Krähen ein.
Zum Schluss ließ ich meinen Kopf beziehungsweise meinen Blick zu den Krähen anheben.

Erst damit entstand die eigentliche Szene: nicht nur ich in einer Landschaft, sondern ich in Beziehung zu etwas über mir.
4. Ich habe das Bild mit Comica bearbeitet
Danach wurde das Ganze noch einmal verfremdet.
Mit Comica bekam die Szene einen malerisch-comicartigen Charakter.
Aus der Fotomontage wurde dadurch stärker eine Bildfigur und weniger ein reines Composing.
5. Ich habe nach einer Rückmeldung die Zwille ergänzt
Als ich das Bild einer Freundin zeigte, sagte sie, ich schaue den Krähen ungeschützt entgegen.
Diese Rückmeldung hat etwas ausgelöst.
Daraufhin habe ich der Figur eine Zwille in die Hand gegeben.
Damit veränderte sich die Bildaussage noch einmal: Die Figur blieb offen und zugewandt, war aber nicht mehr ganz schutzlos.
Die Zwille bedeutet für mich nicht gleich Angriff. Ich schaue den Krähen weiterhin offen entgegen – aber nicht mehr ganz ohne eine Möglichkeit, mich zu wehren.
Während meine eigene Bildfigur im Kornfeld immer lebendiger wurde, warteten die beiden Papierpuppenhefte noch darauf, ausprobiert zu werden. Ich wollte schließlich wissen, ob in diesem alten Spiel für mich tatsächlich noch etwas lag – oder ob die Erinnerung daran mehr Bedeutung trug als die Papierpuppen selbst.
Papierpuppen – doch nicht mein Spiel
Inzwischen waren auch die beiden Papierpuppenhefte angekommen, die ich mir gekauft hatte. Ich begann, die Figuren und ihre Kleider auszuschneiden, und heute habe ich die Arbeit einfach beendet.
Denn es wurde ziemlich deutlich: Das bringt mir nichts.
Das Ausschneiden machte mir keinen Spaß, und auch das fertige Ergebnis hatte für mich keinen wirklichen Spielcharakter. Das Papier blieb flach und leblos. Die Kleidung ließ sich zwar anlegen und wechseln, aber es entstand für mich keine Beziehung zur Figur.

Vielleicht war das damals im Krankenhaus auch nicht anders. Vielleicht war nicht die Papierpuppe selbst das Entscheidende, sondern die Geste meiner Erzieherin: Sie hatte an mich gedacht und mir etwas mitgebracht, während ich allein und verängstigt im Krankenhaus lag.
Puppen oder später Barbies hatten für mich eine ganz andere Qualität. Sie konnten gehalten, bewegt, angezogen und in Räume gesetzt werden. Papier ist mir dafür zu wenig körperlich, zu wenig lebendig und taktil zu arm.
Die beiden Hefte werde ich deshalb verschenken.
Damit endet die Papierpuppenidee für mich nicht als gescheitertes Projekt, sondern als geklärte Spur. Ich muss dieses Spiel nicht nachholen. Es war vielleicht nie wirklich meines.
Was mich dagegen weiterhin reizt, ist meine eigene Figur in Bildern. Mich aus einem Foto herauszulösen, in andere Räume zu stellen, meine Haltung zu verändern und mich mit Tieren, Gegenständen oder Landschaften in Beziehung zu bringen – darin steckt für mich Bewegung und Spiel.
Papierpuppe: nein.
Ich als Bildfigur: ja.
Darin liegt Potenzial.
Liebe*r Couchgalerie-Besucher*in!
Und wie ist es bei dir?
Kennst du solche Papierpuppen aus deiner Kindheit? Hast du sie ausgeschnitten, angezogen und mit ihnen gespielt – oder sind sie dir eher als Bild, Geschenk oder Erinnerung geblieben?
Vielleicht kennst du auch diese Erfahrung: Eine alte Idee taucht wieder auf, wirkt zunächst bedeutsam und führt beim Ausprobieren dann doch woanders hin. Nicht zurück in das frühere Spiel, sondern zu einer neuen Form, die heute besser passt.
Für mich war es am Ende nicht die Papierpuppe, die lebendig wurde. Es war meine eigene Bildfigur. Ich im Kornfeld – und ganz sicher irgendwann noch an anderen Orten.
Auch Kleidung blieb dabei mehr als Stoff. Sie wurde Hülle, Ausdruck, Schutz und Rolle. Eine Behausung, die ich tragen, verändern und in Bildern neu erfinden kann.
Mich würde interessieren, welche Kleidungsstücke, Figuren oder Erinnerungen dich geprägt haben – und ob du schon einmal versucht hast, etwas aus deiner Kindheit nachzuholen.
Herzliche Grüße, Silke
Vielleicht möchtest du noch ein wenig weiter durch meine bisherigen Annäherungen wandern. Alle Beiträge findest du in der Kategorie: Behausung.
Hinweis zur Bildgestaltung:
Für die Bildexperimente habe ich eigene Fotos verwendet und sie mit Canva, Comica und KI-gestützten Werkzeugen verändert, ergänzt und in neue Bildwelten gesetzt. Die Nennung der Programme erfolgt unbezahlt und ohne Werbung.
Mich berührt vor allem die Bildversion in der ES sich hinter dir versteckt. Und ich erinnere mich an einen Kalender den ich mal gebastelt habe. Da habe ich mich auch frei gestellt, in andere Umgebungen gesetzt und jahreszeitlich passend „angezogen“. Noch mit deutlich anderen Mitteln als du. Das ist sicher schon 15 Jahre her. Ich glaube, ich habe den Kalender letztens noch gesehen. Den habe ich quasi zurück geerbt 🤔