12von12 im Juli 2026 – später, anders, trotzdem da

17. Juli 2026

Silke mit Brille und violetter Jacke am Flussufer.

Liebe*r Couchgalerie-Besucher*in!

Schon am Morgen des 12. haderte ich damit, ob ich diesmal überhaupt bei 12von12 mitmachen sollte. Die nächste Migräne saß mir bereits im Nacken.

Migräne zu thematisieren, führt oft zu Reaktionen, die ich gar nicht haben möchte. Dazu gleich mehr. Doch sie ist ein Teil meines Lebens, und deshalb will ich nicht so tun, als gäbe es sie nicht. Obwohl ich das nur zu gern täte.

Die Einnahme eines Triptans gab mir schließlich Hoffnung, doch noch etwas aus diesem Tag zu machen. Was daraus geworden ist, kannst du in der Galerie sehen, die ich dieses Mal erstellt habe. Die Bilder sind nicht chronologisch, sondern beliebig angeordnet und nur kurz beschriftet.

Den 12. selbst habe ich noch ganz gut herumgebracht. Danach folgten allerdings drei Tage Migräne. Und wieder fragte ich mich: Jetzt noch schreiben und veröffentlichen? Wofür?

Für Sichtbarkeit. Für ein Leben mit Migräne, ohne Mitleid.

Bitte kein Mitleid

Wenn ich über Migräne schreibe, folgen oft dieselben Reaktionen: „Das tut mir leid“ und „Gute Besserung“.

Ich weiß, dass diese Sätze freundlich gemeint sind. Trotzdem mag ich sie nicht besonders. Sie fühlen sich für mich nicht tröstlich an, sondern eher kleinmachend. Ich brauche kein Mitleid. Vermutlich brauchen die wenigsten Menschen mit Migräne Mitleid.

Was ich brauche, ist Verständnis dafür, dass ein Migräneanfall kein bisschen Kopfschmerz ist. Dass er Pläne durchkreuzt, Tage verschluckt und das Leben für eine Weile sehr klein macht.

Und wenn der Anfall vorbei ist, brauche ich auch kein nachträgliches Bedauern. Dann freue ich mich darüber, dass ich wieder da bin. Schön wäre es, wenn andere sich einfach mitfreuen könnten.

Vielleicht wäre ein Satz wie „Gut, dass du wieder auftauchst“ viel passender.

Gut gemeinte Worte sind ein wenig wie Komplimente: oft schnell ausgesprochen, vertraut und unbedacht. Nicht alles, was freundlich klingt, tut auch gut.

Mein #12von12-Galerie

Und wie ist das bei dir?

Liebe*r Couchgalerie-Besucher*in!

Nun ist dieser 12von12 doch noch entstanden – später, anders und mit weniger Worten als sonst.

Die Migräne hat sich Raum genommen. Und ich habe mir den Raum genommen, erst wieder aufzutauchen und dann zu entscheiden, was ich mit den Bildern machen möchte. So ist diese Galerie entstanden: zwölf kleine Ausschnitte aus einem Tag, der trotz allem gelebt wurde.

Und nun interessiert mich, wie es dir damit geht.

Kennst du solche Reaktionen auch – vielleicht, weil du selbst chronisch krank bist oder mit wiederkehrenden Beschwerden lebst? Dieses schnelle Mitleid, die gut gemeinten Ratschläge, das ungefragte „Hast du schon mal …?“ Wie fühlt sich das für dich an? Und was würdest du dir stattdessen wünschen?

Ich freue mich, dass dieser Migräneanfall vorbei ist. Darüber darfst du dich gern mit mir freuen.

Herzlichst, Silke

Weitere Beiträge findest du bei Draußen nur Kännchen und in meiner Kategorie #12von12.

4 People reacted on this

  1. Liebe Silke
    Zeiten in denen wir nicht „funktionieren“ sind oft ganz schön schräg und doch sind sie einfach da. Stehlen sich ins Leben, durchkreuzen den Alltag und nagen am Selbstwert. Seit so vielen Jahren lebe ich mit Schmerzen, mal gut, mal weniger gut. Ich freue mich, daß du dir etwas Luft gemacht hast. Wir können nicht immer funktonieren und ich glaube, wir müssen das auch nicht. Und je mehr Menschen auch mal über Tage und Momente schreiben, die nicht hochglanzpoliert sind, desto befreiender! Es liegen auch Chancen in diesen Zwangs- Auszeiten, die sich meistens wie bescheuerte Bremsen anfühlen. Ganz manchmal erkenne ich sie die Chance. So gut, dass man nach einiger Zeit weiß, dass diese Krisentage vorbeigehen und Entspannung einkehrt. Oder wie du es sagst: man wieder zurück ist.
    In meinem Leben habe ich schon viele Menschen irritiert, weil ich nicht funktionierte, aber das ist eben so. Manchmal weiß´ich nicht, was in ihren Köpfen vor sich geht. Aber das muß ich auch nicht. Wenn man nicht einmal in den Mokassins des anderen gegangen ist, kann man vieles nicht wirklich verstehen.

    1. Liebe Marianne,

      dein Kommentar zeigt mir noch einmal, wie viel mehr hinter dem Wort „Nicht-Funktionieren“ steckt. Es geht nicht nur darum, dass Pläne ausfallen oder etwas liegen bleibt. Es berührt auch die Frage, welchen Wert wir uns selbst geben, wenn wir gerade nichts leisten können.
      Besonders wichtig finde ich deinen Gedanken, dass ehrliche Einblicke befreiend sein können. Nicht, weil Krankheit oder Schmerzen dadurch leichter werden, sondern weil wir uns nicht zusätzlich verstecken und ein geglättetes Leben vorspielen müssen. Vielleicht liegt genau darin eine Chance: dass sich jemand beim Lesen weniger allein und weniger falsch fühlt.
      Auch deine Erfahrung, andere durch dein Nicht-Funktionieren irritiert zu haben, beschäftigt mich. Manches Unverständnis werden wir vermutlich nicht auflösen können. Aber wir können uns weigern, unseren Wert von der Vorstellung anderer abhängig zu machen, wie belastbar, aktiv oder verfügbar wir sein sollten.
      Danke, dass du deine langjährige Erfahrung mit Schmerzen hier so offen teilst. Damit hast du dem Gedanken meines Beitrags noch eine weitere Tiefe gegeben. Und ja: Wie gut, dass wir inzwischen wissen, dass wir nach solchen Tagen wieder auftauchen – auch wenn wir mitten darin manchmal noch nicht sehen können, wann.

      Herzlichst, Silke

  2. Hanni und Nanni werden immer hübscher. Wie impft man Hühner? Vom Bild her würde ich interpretieren das man das irgendwie über Futter macht? 🤔
    Füsse ins Wasser finde ich toll. Irgendwie fehlt mir das hier. Wasser haben wir, aber nicht die richtigen Zugänge.
    Chronische Erkrankungen/Schmerzen. Ja. Hier. Am schlimmsten finde ich die ungebetenen Ratschläge. Da werde ich auch schonmal aggressiv. Mitleid geht da schon etwas besser. In Maßen. Nicht in Massen. Was ich auch nicht ab kann ist wenn mir das abgesprochen wird. Ich angeblich zu jung „dafür“ bin und das ja nicht so schlimm sein kann. Oft lasse ich das Thema auch einfach außen vor. In meinem Blog habe ich das meine ich noch nicht erwähnt. Zumindest nicht konkret. Vielleicht mal, das dies oder das „aus Gründen“ nicht ging. Aber ich merke, dass das ein Thema ist über das ich nicht gerne rede. Im Moment habe ich auch keine Lust auf die Schmerzambulanz. Müsste aber mal wieder. 😁

    1. Liebe Christine,

      zuerst zu Hanni und Nanni: Ja, sie sind zwei hübsche kleine Dinger mit dem Anspruch, die Weltherrschaft an sich zu reißen – und für „die Alte(n)“ hier manchmal eine rechte Zumutung. Die Impfung wird über das Trinkwasser verabreicht. Den Impfstoff hole ich alle sechs Wochen beim Hühnerverein.

      Dein Satz über die fehlenden Zugänge zum Wasser ist bei mir hängen geblieben. Wasser in der Nähe zu haben und trotzdem nicht einfach die Füße hineinstellen zu können, ist wirklich schade. Gerade solche kleinen, unmittelbaren Naturmomente können so wohltuend sein.

      Und mir wird dabei gerade bewusst, dass auch mein Zugang nicht selbstverständlich ist. Hier wurde vor Jahrzehnten von Menschen nachgeholfen, die den Fluss mit großen Steinen etwas gebremst und umgeleitet haben. Doch der jeweilige Pegelstand entscheidet darüber, ob ich überhaupt an diese Stelle komme.

      Danke auch für deine Offenheit über die chronischen Schmerzen. Du benennst noch etwas, das über ungefragte Ratschläge hinausgeht: dass Beschwerden von anderen bewertet oder sogar abgesprochen werden. Zu jung, angeblich nicht schlimm genug, von außen nicht sichtbar – als hätten andere mehr Deutungshoheit über deinen Körper als du selbst. Das empfinde ich als besonders übergriffig.

      Ich finde es sehr verständlich, dass du selbst bestimmst, wann und wo du darüber sprichst. Sichtbarkeit kann erleichtern, aber sie ist keine Pflicht. Niemand muss seine Erkrankung öffentlich machen, um glaubwürdig zu sein oder Verständnis zu verdienen.

      Und dass du gerade keine Lust auf die Schmerzambulanz hast, obwohl du weißt, dass ein Besuch sinnvoll sein könnte, kann ich ebenfalls gut nachvollziehen. Sich ständig kümmern, Termine vereinbaren, erklären und neue Anläufe unternehmen zu müssen, gehört ja leider zusätzlich zur Belastung dazu.

      Dein Kommentar zeigt mir, wie unterschiedlich wir mit Mitleid umgehen können – und wie einig wir uns darin sind, dass wir ernst genommen und nicht ungefragt behandelt oder belehrt werden möchten. Danke, dass du das hier so offen und klar eingebracht hast.

      Herzlichst, Silke

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