Behausung – eine Annäherung | August 2026: Mein Kindheitsgarten

7. August 2026

Collage eines grünen Gartens mit dem heutigen Ich in der Mitte, die Arme weit geöffnet, umgeben von mehreren freigestellten Kinder-Ichs und einem roten Dreirad.

Liebe*r Couchgalerie-Besucher*in!

Im Juli bin ich mit meiner eigenen Bildfigur ins Kornfeld gegangen.

Aus einem Spiegel-Selfie wurde eine Figur, die ich in eine andere Umgebung setzen konnte. Das hat mich neugierig gemacht. Wenn ich mich selbst in neue Bildwelten stellen kann – warum dann nicht auch in alte?

Diesmal führte der Weg zurück. In meinen Kindheitsgarten.

Ein Garten voller früherer Ichs

Collage eines grünen Gartens mit einem Holzhaus: In der Mitte steht das heutige Ich mit ausgebreiteten Armen, umgeben von mehreren freigestellten Kinder-Ichs, Tieren, Kinderwagen und Spielzeug.

Der Garten auf dem Bild ist nicht der Garten meiner Kindheit. Von unserem damaligen Garten habe ich kein tragfähiges Foto, und heute ist von ihm auch nichts mehr erhalten.

Das Gartenbild stammt von einem Kalenderblatt, das mir so gut gefiel, dass ich es schon länger aufgehoben hatte. Für meine Collage wurde es zu einer Art Ersatzraum – nicht der wirkliche Garten von damals, sondern ein Garten, in den ich meine Erinnerungen und meine Kinder-Ichs hineinsetzen konnte.

Dazu habe ich alte Fotografien herausgesucht und die kleinen Silkes freigestellt.

Nach und nach bevölkerte sich der Garten.

Da stehe ich als kleines Kind.
Da sitze ich.
Da bin ich verkleidet.
Da trage ich Kleidchen, Hosen, Strümpfe und Hüte.
Da tauchen Spielzeug, Kinderwagen, Fahrrad und Tiere auf.

Elf Kinder-Ichs sind es schließlich geworden.
Und im Wagen sitzt eine Verwandte – weil ich kein passendes Babyfoto von mir hatte; auf dem Originalfoto stehe ich davor.

Mitten zwischen all diesen Kindern steht mein heutiges Ich.

Die Arme weit geöffnet.

Als das Bild fertig war, hat es mich selbst überrascht.

Alle gleichzeitig da

Die Fotografien stammen aus der Zeit nach meiner Geburt im September 1967 bis kurz vor meiner Einschulung 1974. Dazwischen liegt auch meine Kindergartenzeit ab 1971 – ausgerechnet an dem Ort, andem ich später selbst als Erzieherin arbeitete und schließlich auch als Leitung tätig war.

In meiner Collage folge ich dieser zeitlichen Reihenfolge nicht.

Die Kinder stehen nebeneinander.

Das verkleidete Kind ist genauso gegenwärtig wie das Kind im roten Kleid. Das kleine Mädchen mit dem Hasen sitzt nur wenige Schritte entfernt von einer älteren Version seiner selbst.

Sie sind alle gleichzeitig da.

Vielleicht berührt mich das Bild deshalb so sehr.

Es ist keine Chronologie meiner Kindheit. Es ist eher eine Versammlung.

Und ich mittendrin

Mein heutiges Ich steht nicht am Rand und betrachtet die Szene.

Ich stehe mitten darin.

Freigestellte Ganzkörperaufnahme einer Frau in dunkelrotem Shirt und weiter brauner Hose vor weißem Hintergrund.
Ausgangsbild

Das war mir beim Gestalten zunächst gar nicht so bewusst. Ich suchte eine Position, die im Bild funktionierte. Erst später bemerkte ich die Wirkung der weit geöffneten Arme.

Freigestellte Ganzkörperaufnahme derselben Frau mit weit ausgebreiteten Armen vor weißem Hintergrund.
Zwischenschritt: Statt die fehlenden Schuhteile zu ergänzen, bekam ich Sandalen – erstaunlicherweise ganz ähnlich denen, die ich tatsächlich besitze.

Ich könnte sie als Begrüßung lesen.

Als: Da seid ihr ja.

Oder: Ihr dürft alle da sein.

Vielleicht auch als Versuch, einen Raum zu öffnen, den es damals nicht immer gegeben hat.

Ich möchte die Geste aber gar nicht endgültig erklären. Gerade das gefällt mir an solchen Bildern: Sie wissen manchmal schon etwas, bevor ich es in Worte fassen kann.

Der Garten als Behausung – Ein erfundener Garten für reale Erinnerungen

Bei meinem Jahresprojekt frage ich immer wieder, was eine Behausung überhaupt sein kann.

Ein Haus natürlich.

Ein Zimmer.

Kleidung als Hülle.

Der eigene Körper.

Aber auch ein Garten?

Der wirkliche Garten meiner Kindheit ist verschwunden. Es gibt kein Bild, das ihn so zeigt, wie ich ihn erinnern könnte. Also habe ich mir für diese Collage einen anderen Garten geliehen.

Einen Garten, der nie zu meiner Kindheit gehörte und sich doch geeignet hat, all diese früheren Versionen von mir aufzunehmen.

In der Collage kann ich diesen erfundenen Garten bevölkern.

Ich kann mich selbst hineinstellen.

Und ich kann diejenigen mitbringen, die ich dort einmal war.

So wird der Garten nicht zu einer Rekonstruktion eines vergangenen Ortes, sondern zu etwas Neuem:

Es ist kein Erinnerungsfoto. Es ist ein Erinnerungsraum.

Vielleicht ist auch das eine Form von Behausung: einen Raum zu schaffen für etwas, dessen wirklicher Ort nicht mehr existiert.

Die Kleidung erzählt mit

Beim Zusammensetzen fällt mir wieder auf, wie viel die Kleidung auf den alten Bildern erzählt.

Kleider und Hosen, Strümpfe, Schuhe, Verkleidungen, Hüte.

Das meiste wurde für mich ausgesucht. Manches davon hat meine Mutter selbst genäht oder gestrickt. Manches gehörte zu bestimmten Anlässen oder Rollen.

Ich könnte an dieser Stelle tief in das Thema Kleidung einsteigen.

Aber noch nicht.

Denn da wartet noch ein eigenes Kapitel.

Vor allem die Tracht wird später noch einmal viel Raum bekommen.

Hier darf die Kleidung zunächst einfach mit im Garten stehen – als Teil der vielen Versionen dieses Kindes.

Kein Zurück – und doch eine Begegnung

Ich kann natürlich nicht wirklich in den Garten meiner Kindheit zurückkehren.
Und ich möchte auch nicht wieder das Kind sein, das ich einmal war.

Da ist dieser oft zitierte Satz:

„Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit gehabt zu haben.“

Ich verstehe ihn nicht so, dass sich Vergangenes nachträglich schönmachen ließe. Aber ich kann Bilder nehmen, sie lösen, verschieben und neu zusammensetzen. Ich kann mir heute Räume schaffen, in denen Begegnung, Spiel und vielleicht auch etwas von dem möglich wird, was damals gefehlt hat.

Das verändert die Vergangenheit nicht.

Es verändert auch nicht das, was gefehlt hat oder schwierig war.

Aber es ermöglicht eine Begegnung.

Mein heutiges Ich kann dort stehen, wo die Kinder-Ichs stehen.

Nicht über ihnen.

Nicht vor ihnen.

Mitten unter ihnen.

Genau das ist für mich im Moment eine Form von Behausung:

einen Raum schaffen, in dem verschiedene Zeiten meines Lebens gleichzeitig Platz haben dürfen.

Ein unerwartetes Bonusbild

Für die Veröffentlichung wollte ich meine Verwandte im Kinderwagen unkenntlich machen. Meine schlichte Anweisung an die KI war deshalb: Lass das Kind im Kinderwagen wegschauen.

Das Ergebnis überraschte mich. Zunächst schaute auch das kleine Ich weg, das im Original vor dem Kinderwagen stand. Das kommentierte ich wiederum gegenüber der KI.

Daraufhin entstand dieses Bild:

Collage eines grünen Gartens mit Holzhaus: Das heutige Ich steht mit ausgebreiteten Armen in der Mitte, während mehrere Kinder-Ichs zu ihm aufblicken.

Plötzlich schauten alle meine Kinder-Ichs zu meinem heutigen Ich mit den weit geöffneten Armen.

Das hatte ich überhaupt nicht verlangt.

Und trotzdem gefiel mir diese neue Beziehung im Bild. Aus dem Nebeneinander wurde noch deutlicher eine Begegnung.

Nur: Mit den veränderten Blickrichtungen veränderte die KI auch die Gesichter. Die Kinder sehen nun nicht mehr so richtig aus wie ich damals.

Deshalb ist es mein Bonusbild: nicht die eigentliche Collage, aber ein schöner Zufallsfund aus dem Prozess.

Über den Prozess

Diese Bilder zu entwickeln, hat mir wieder unglaublich viel Spaß gemacht.

Dabei war es richtig viel Arbeit. Ich habe unzählige Kinderfotos gesichtet, eingescannt und später die passenden Bilder freigestellt. Gleichzeitig bin ich sehr froh, dass ich mir diese Fotos schon früh gesichert habe. Heute wären viele davon vermutlich verloren.

Beim Arbeiten mit den Bildern ist mir noch etwas aufgefallen: Ich kann sehr freudig auf diese Kinder schauen. Gleichzeitig fühlen sie sich für mich oft erstaunlich fremd an.

Zu vielem habe ich keine wirkliche Erinnerung. Manche Fotos kenne ich gut, aber ich erinnere nicht die Situation selbst. Anders ist es bei Bildern, die mit starken Gefühlen verbunden sind – zum Beispiel bei manchen Weihnachtsfotos. Da ist deutlich mehr da.

Erinnerungen aus einer Zeit, in der ein Kind noch nicht über Sprache verfügt, werden außerdem nicht auf dieselbe Weise gespeichert und später abgerufen wie sprachlich erzählbare Erinnerungen. Vieles kann eher als Körpergefühl, Stimmung, Bild oder einzelne Szene erhalten bleiben.

Vielleicht erklärt das ein Stück weit diese Mischung aus Nähe und Fremdheit: Ich weiß, dass dieses Kind ich bin. Ich kann es anschauen, mich über es freuen und ihm zugewandt sein. Und trotzdem habe ich zu vielem keinen direkten inneren Zugang.

Gerade deshalb gefallen mir die Collagen so gut. Sie schaffen eine Verbindung, ohne so zu tun, als könnte ich mich an alles erinnern.

Und wie ist es bei dir?

Gibt es Bilder oder Orte aus deiner Kindheit, die dir vertraut sind, obwohl du dich an die Situationen selbst kaum noch erinnerst?

Gibt es einen Ort aus deiner Kindheit, den du sofort wiedererkennen würdest?

Einen Garten, ein Zimmer, einen Hof, eine Straße oder einen Platz, an dem frühere Versionen von dir noch immer zu wohnen scheinen?

Und wenn du deinem heutigen Ich erlauben könntest, diesen Ort noch einmal zu betreten: Wo würdest du dich hinstellen?

Was würdest du sehen?

Und wem würdest du dort begegnen?

Der entscheidende Satz ist für mich jetzt: „Es ist kein Erinnerungsfoto. Es ist ein Erinnerungsraum.“ Der macht klar, dass das Bild nicht dokumentiert, sondern etwas Eigenes schafft.

Herzlichst, Silke

Wenn du noch ein wenig weiter durch mein Jahresprojekt wandern möchtest: Alle bisherigen Beiträge findest du in der Kategorie Behausungen.

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