Behausung – eine Annäherung | September 2026: Wessen Vorstellung trug ich?

4. September 2026

Silke als kleines Mädchen in Hersfelder Tracht mit Schnierhaid und geblümtem Schultertuch, als Nahaufnahme vor unscharfem Hintergrund.

Liebe*r Couchgalerie-Besucher*in!

Die lebendige Trachtenpuppe meiner Mutter

Dieser Beitrag war so eigentlich gar nicht geplant.

Im Rahmen meines Jahresprojekts „Behausung – eine Annäherung“ führte mich der Weg irgendwann zu meiner Kleidung und von dort weiter in meinen Kindheitsgarten. Beim Sichten alter Fotos tauchte immer wieder die Tracht auf.

Zuerst dachte ich, sie würde einfach ein Kapitel unter vielen werden. Aber je länger ich hinsah, desto deutlicher wurde: Die Tracht ist keine Randnotiz meiner Kleidungsgeschichte. Sie erzählt eine eigene Geschichte.

Eine Geschichte über meine Mutter, über mich als Kind mitten in ihrer Welt, über Sichtbarkeit, Zugehörigkeit, Widerstand und die Frage:

Wessen Vorstellung trug ich eigentlich?

Es gibt Fotos von mir in Tracht.

Auf einem stehe ich allein vor der Kamera. Schnierhaid auf dem Kopf, geblümtes Tuch um die Schultern, Schürze über dem Rock, ein kleines Körbchen in der Hand. Alles ist sorgfältig zusammengestellt.

Silke als Kind in festlicher Tracht mit Blumenkopfschmuck neben einem Jungen in Trachtenkleidung; sein Gesicht ist unkenntlich gemacht. Beide stehen vor einer Sandsteinmauer und einem blühenden Garten.

Ich sehe aus wie eine kleine lebendig gewordene Trachtenpuppe.

Und vermutlich war ich genau das.

Die lebendige Trachtenpuppe meiner Mutter.

Dieser Satz klingt hart. Aber ganz so einfach ist die Geschichte nicht.

Die Welt meiner Mutter

Meine Mutter, Jahrgang 1930, hatte Volksschulbildung. Sie kam aus einer Landwirtschaft und aus einer Generation, in der Frauen nicht gerade unendlich viele Möglichkeiten offenstanden.

Und trotzdem schuf sie sich ihr eigenes Feld.

Sie sammelte Trachten, nähte sie selbst, fertigte den passenden Kopfschmuck dazu und kleidete Generationen von Trachtenträger*innen ein. Sie beschäftigte sich mit der Geschichte der Trachten, fertigte Trachtenpuppen an und engagierte sich in der Volkstanzgruppe, im Heimatverein und im Museum. Sie hielt Vorträge, war sogar einmal im Fernsehen zu sehen und wurde schließlich mit dem Ehrenbrief des Landes Hessen ausgezeichnet.

Sie eignete sich Wissen an. Sie wurde zur Fachfrau.

Vielleicht war die Trachtenwelt ihre eigene Behausung: ein Lebensraum, in dem sie gestalten konnte, gefragt war und öffentlich Bedeutung bekam.

Und irgendwann war ich mittendrin.

Ihr Puppen

Puppen spielten in ihrem Leben ohnehin eine besondere Rolle.

Sie sammelte sie, kleidete sie ein, fertigte Trachtenpuppen. Später rettete sie sogar Puppen aus dem Müll der Kindertagesstätte, in der sie als Reinigungskraft arbeitete.

Und sie sprach auch bei mir vom „Puppen“.

Sie selbst nannte dieses Einkleiden und Herrichten so.

Da war also eine Mutter mit einer Leidenschaft für Trachten und Puppen.

Und da war ich.

Ihr Kind.

Und offenbar auch ein wunderbares Objekt zum Anziehen, Gestalten und Vorzeigen.

Genau hergerichtet

Die Fotografien erzählen davon.

Auf einem stehe ich mitten in der Kindertrachtengruppe.

Silke steht 1972 als kleines Mädchen in Tracht im Mittelpunkt einer Kindertrachtengruppe. Sie trägt eine helle Schürze und hält zwei Jungen an den Händen; die Gesichter der anderen Personen sind unkenntlich gemacht.

Dann gibt es das Bild mit einem Jungen. Auch er trägt seine Tracht mit allem, was dazugehört. Auch Jungen wurden zu Trachtenpuppen.

Silke steht als kleines Mädchen in festlicher Tracht mit geblümtem Schultertuch, heller Schürze, Blumenkopfschmuck und geflochtenem Korb auf einem gepflasterten Platz.

Und schließlich das Foto mit meiner Mutter.

Silke geht als kleines Mädchen in Tracht neben ihrer Mutter bei einem Festumzug durch den Ort. Beide tragen traditionelle Kleidung und halten sich an der Hand; die Gesichter der übrigen Teilnehmenden sind unkenntlich gemacht.

Sie hält meine Hand. Wir laufen gemeinsam beim Trachtenumzug.

Sie in Tracht.

Ich in Tracht.

Mutter und Tochter als Teil einer Tradition, die für sie große Bedeutung hatte.

Auf den Bildern sieht das hübsch aus. Vielleicht sogar liebevoll.

Und das war es vermutlich auch.

Ein Kind kann liebevoll angezogen und gleichzeitig vereinnahmt werden

Was sie aus mir machen wollte

Meine Mutter und ich waren beide gestaltungsfreudig. Beide interessiert an Stoffen, Bildern und Dingen, die man sammeln, verändern und neu zusammensetzen kann.

Vielleicht lag gerade darin auch ein Teil unseres Konflikts.

Meine Mutter hatte Vorstellungen davon, wie ich aussehen sollte. Wie meine Haare sein sollten. Was ich tragen sollte. Wie ich mich präsentieren sollte.

Sie wollte gestalten.

Nur war ich eben kein Stoffstück und keine Puppe.

Ich war ein Kind mit einem eigenen Körper, einem eigenen Geschmack und schon früh mit einem eigenen Willen.

Damit wurde Kleidung auch zum Ort des Konflikts.

Ohne Dutt kein Schnierhaid

Später wollte ich aus der Trachtengruppe heraus.

Das ging offenbar nicht einfach dadurch, dass ich sagte: Ich möchte nicht mehr.

Also ließ ich mir die Haare kürzer schneiden.

Nicht in einem dramatischen Akt. Ich war beim Friseur, und es wurde auch nicht sofort eine richtige Kurzhaarfrisur. Aber die Haare waren kurz genug, dass es mit dem Dutt schwierig wurde.

Und genau dieser Dutt wurde gebraucht, um den Schnierhaid zu befestigen.

Keine langen Haare – kein ordentlicher Dutt.
Kein Dutt – kein Schnierhaid.

Damit wurde es zumindest schwieriger, mich weiter so herzurichten wie zuvor.

Und zugleich ein Stück Selbstbestimmung.

Später, auf meinen Konfirmationsfotos mit etwa 13 oder 14 Jahren, trug ich tatsächlich kurze Haare.

Nicht spektakulär. Aber wirksam.

Mit der Tracht in die Welt

Zum Trachtenleben gehörte auch etwas, das ich bis heute als wirklich schön erinnere: Begegnung.

Über den Volkstanz kamen wir mit Menschen aus anderen Ländern und Kulturen zusammen. Wir reisten, besuchten andere Gruppen und wurden selbst besucht.

Menschen unterschiedlichster Nationen kamen zu uns, tanzten mit uns, brachten ihre Musik, Kleidung und Traditionen mit. Manche wohnten sogar bei uns zu Hause.

Fremdes wurde vertrauter, weil die Menschen einfach da waren.

Sie saßen mit am Tisch, schliefen unter unserem Dach, sprachen andere Sprachen, trugen andere Trachten.

Und wir selbst fuhren mit unserer Tracht hinaus in die Welt.

Vielleicht ist das eine der Erfahrungen aus dieser Zeit, die ich wirklich gerne behalten habe:

Volkstanz verband.

Ausgerechnet über etwas so Regionales wie Tracht und Volkstanz kam früh die Welt zu uns nach Hause.

Und wir zu ihr.

Meine Mutter und ich

Lange konnte ich das, was meine Mutter geschaffen hatte, kaum unabhängig von unserer Beziehung betrachten.

Meine Mutter starb 2003. Erst viel später begann ich, ihre Trachtenarbeit und das, was sie sich damit aufgebaut hatte, mit mehr Abstand zu sehen. 

Heute kann ich sehen, was sie geleistet hat: wie viel Wissen sie sich selbst angeeignet hat, wie kreativ sie war, wie viel sie organisiert, gesammelt, genäht, bewahrt und öffentlich vermittelt hat.

Und ich kann darin inzwischen auch etwas erkennen, das uns verbunden hat.

Wir waren beide neugierig, vielseitig und voller Ideen. Wir mochten es, Dinge zu gestalten und unseren eigenen Vorstellungen zu folgen.

Vielleicht war genau das aber auch unser Problem.

Ich war nicht nur ihre lebendige Trachtenpuppe.

Ich war auch das Kind und später die Jugendliche, die immer deutlicher eigene Vorstellungen entwickelte.

Sie wollte gestalten.

Ich auch.

Nur wollte ich irgendwann nicht mehr von ihr gestaltet werden.

Wer bestimmt das Bild?

Heute führt mich dieses alte Trachtenfoto direkt zu meiner eigenen Bildarbeit.

Damals hatten andere mich angezogen, andere bestimmt, wie ich aussehen sollte, andere mich ins Bild gestellt.

Heute stehe ich wieder im Bild.

Aber ich bestimme selbst.

Ich wähle meine Kleidung, meine Haare, meine Bilder. Ich bearbeite sie, setze mich in neue Räume, verwandle mich in Figuren und greife ein, wenn mir nicht gefällt, was daraus wird.

Meine Mutter schuf Bilder von mir.

Heute schaffe ich Bilder von mir selbst.

Vielleicht ist genau das die Bewegung, die sich durch mein Leben zieht:

Zuerst wurde ich sichtbar gemacht.

Später musste ich lernen, selbst zu bestimmen, wie ich sichtbar bin.

Und deshalb sehe ich auf dem alten Foto heute mehr als nur die Trachtenpuppe.

Ich sehe die Gestaltungslust meiner Mutter.

Ich sehe ihren Stolz.

Ich sehe das Kind, das die Aufmerksamkeit mochte.

Und ich sehe vielleicht auch schon diejenige, die sich später dem Bild, das andere von ihr hatten, Stück für Stück entzog.

Nicht, weil sie nicht gesehen werden wollte.

Sondern weil sie selbst bestimmen wollte, wie sie gesehen wird.

Und wie ist das bei dir?

Gibt es in deiner Familie auch Kleidung, die mehr war als nur Kleidung?

Trachten vielleicht. Festkleidung. Bestimmte Stoffe, Schmuckstücke oder Kleidungsstücke, die zu Feiertagen, Herkunft, Religion, Beruf oder Familiengeschichte gehörten.

Welche Familientraditionen wurden bei euch über Kleidung sichtbar?

Und wie hast du das erlebt: als Zugehörigkeit, als Stolz, als Selbstverständlichkeit – oder manchmal auch als etwas, das dir nicht so recht entsprach?

Wenn du magst, erzähl mir davon in den Kommentaren.

Herzlichst, Silke

Hinweis: Dieser Beitrag erzählt meine persönliche Erinnerung und heutige Sicht auf Ereignisse, die teilweise mehr als 50 Jahre zurückliegen. Erinnerungen sind lückenhaft, subjektiv und verändern sich mit der Zeit.

Hinweis zu den Bildern:
Die historischen Fotografien stammen aus meinem Privatbesitz. Gesichter anderer abgebildeter Personen habe ich aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes unkenntlich gemacht. Das Beitragsbild wurde mithilfe von KI aus einem eigenen historischen Foto für das Format angepasst.

Mehr zur Hersfelder Tracht:
Wer sich für die Tracht selbst, ihre Bestandteile und ihre regionale Geschichte interessiert, findet hier weitere Informationen beim Hessischen Verband für Tanz- und Trachtenpflege: Hersfelder Tracht

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