5 Jahre vielbegabt.de – Teil 1: Das Coronakind

21. Juni 2026

Bunte Zeichnung eines Segelboots mit Sonne und dem Schriftzug „Mein krisenfestes Online-Angebot“, Symbolbild für die Entstehung von vielbegabt.de als Coronakind.

Liebe*r Couchgalerie-Besucher*in!

Vielbegabt.de ist ein Coronakind.

Im April 2019 hatte ich meine Supervisionsausbildung abgeschlossen. Ich war fertig, frisch ausgebildet, bereit für ein neues berufliches Kapitel. Kein Jahr später kam Corona. Plötzlich gab es Kontaktbeschränkungen – und für Supervision face to face fühlte sich das zeitweise fast wie ein Arbeitsverbot an.

Natürlich war Supervision als Tätigkeit nicht grundsätzlich verboten. Aber genau das, worauf sie für mich damals beruhte, brach erst einmal weg: persönliche Begegnung, gemeinsames Nachdenken in einem Raum, Blickkontakt, Atmosphäre, Resonanz. All das, was Supervision lebendig macht, war plötzlich nicht mehr selbstverständlich möglich.

Die naheliegende Lösung schien zu sein: Beratung und Supervision online anbieten.

Ein krisenfestes Online-Angebot

Flipchart-Skizze mit Trichtermodell zu Supervision, Online-Angebot und „Mein krisenfestes Online-Angebot“, entstanden während der Strategiecoaching-Phase im April 2020.

Das Ausbildungsinstitut vermittelte den Kontakt zu einem Trainer und Coach, den ich bereits aus meiner Supervisionsausbildung kannte. Ich vertraute diesem Kontakt – und kaufte ein Strategiecoaching.

Heute würde ich schon an dieser Stelle langsamer werden. Damals wollte ich vor allem handlungsfähig bleiben. Ich hatte gerade eine Ausbildung abgeschlossen, wollte mein Können in die Welt bringen und stand plötzlich in einer Situation, in der persönliche Arbeit kaum noch möglich war. Online schien die Rettung zu sein.

Mit zwei weiteren Frauen bildete ich eine Peergroup. Eine weitere mir bekannte Frau nahm ebenfalls an diesem Coaching teil. Wir alle entwickelten Onlineangebote. Rückblickend würde ich sagen: Es waren Angebote, die wir vielleicht selbst gern gehabt hätten – die aber noch lange kein tragfähiges Online-Business ergaben.

Eine vielbeschäftigte Beraterin, Frau und Mutter wollte anderen Frauen helfen, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen.

Eine Frau und Mutter, die selbst bisher nie selbständig gewesen war, wollte andere Frauen in die Selbständigkeit begleiten.

Und ich selbst wollte Mentorin für Vielbegabte werden.

Heute sehe ich deutlicher, was ich damals noch nicht sehen konnte: Wir waren nicht einfach nur auf der Suche nach neuen Wegen. Wir waren verunsichert, wollten handlungsfähig bleiben und suchten nach einer Perspektive in einer Zeit, in der vieles weggebrochen war.

Aus Unsicherheit wurde ein Produkt

Handschriftliche Mindmap zu vielbegabten Unternehmerinnen, Selbstverwirklichung, Zeit, Energie, Frust, Unzufriedenheit und verantwortlicher Gestaltung des eigenen Umfelds.

Ich glaube nicht, dass dem Trainer völlig entgangen ist, wie wenig belastbar manche dieser Geschäftsmodelle waren. Aber es war ein Markt da.

Es gab Frauen wie uns, die Orientierung suchten, bereit waren zu investieren und hofften, aus der Krise heraus etwas Eigenes aufzubauen. Und es gab Menschen, die genau daraus ein Geschäftsmodell machten.

Das ist der Teil, auf den ich heute kritisch blicke: Nicht darauf, dass wir Ideen entwickelten. Nicht darauf, dass wir uns ausprobierten. Sondern darauf, dass aus unserer Unsicherheit ein Produkt wurde – und dass die Verantwortung für das Gelingen am Ende vor allem bei uns lag.

Wir sollten sichtbar werden. Angebote entwickeln. Zielgruppen finden. Verkaufsfähig werden. Am besten schnell. Am besten online. Am besten so, dass daraus ein tragfähiges Business entstehen konnte.

Nur: Das war viel leichter gesagt als getan.

Sichtbarkeit ist nicht für alle das Gleiche

Das Scheitern zeigte sich auf verschiedenen Ebenen.

Fast alle von uns waren in Sachen Online-Sichtbarkeit unerfahren – und mehr oder weniger auch nicht dafür gemacht. Es ist eine Sache, Beratung, Supervision oder Begleitung anzubieten. Es ist eine ganz andere Sache, sich ständig online zu zeigen, sich zu vermarkten, Angebote zu formulieren, Zielgruppen anzusprechen und dabei so zu tun, als sei das alles ein natürlicher Teil der eigenen beruflichen Identität.

Nach und nach stiegen alle aus – jede aus anderen Gründen.

Die Frau, die andere in die Selbständigkeit begleiten wollte, bemerkte irgendwann, dass sie selbst gar kein klares Angebot hatte.

Die selbständige Mutter hatte es satt, sich online zu zeigen, obwohl sie genau das eigentlich nicht mochte.

Und ich erkannte, dass meine Zielgruppe zwar durchaus ansprechbar war, aber nicht finanzstark genug für das, was daraus ein tragfähiges Geschäftsmodell hätte machen sollen.

Menschen mit Vielbegabung hatten oft genau die Probleme, die ich selbst gut kannte: zu wenig Zeit, zu wenig Energie – und vor allem zu wenig Geld. Sie waren interessiert, offen, suchend, vielleicht sogar dankbar für Resonanz. Aber daraus entstand noch kein Markt, der ein Onlineangebot tragen konnte.

Auch das war eine wichtige Erkenntnis: Nicht jedes Thema, das Menschen berührt, ist automatisch ein tragfähiges Angebot. Und nicht jede persönliche Erfahrung, die man in die Welt bringen möchte, wird dadurch zu einem Geschäftsmodell.

Videos aus dem HühnerstallNahaufnahme aus einem Video über Vielbegabung, aufgenommen im Juni 2020 während der frühen Sichtbarkeitsphase von vielbegabt.de.

Trotzdem habe ich in dieser Zeit viel gelernt.

Ich nahm Videos über Vielbegabung auf – im Hühnerstall. Ich stellte sie bei Facebook und Instagram ein und zeigte mich mit meinem Thema. Das war damals mein Angebot: Vielbegabte Frauen sichtbar zu machen, ihnen Worte für ihr Anderssein zu geben und ihnen zu zeigen, dass sie nicht falsch sind.

Ich führte zwei Qualifizierungsgespräche. Beide Frauen waren interessiert. Beide erkannten sich wieder. Aber beide hatten nicht das nötige Geld, um daraus Kundinnen zu werden.

Damit bestätigte sich noch einmal sehr deutlich, was ich schon geahnt hatte: Meine Zielgruppe hatte genau die drei Probleme, um die es in meinem Angebot ging – zu wenig Zeit, zu wenig Energie und vor allem zu wenig Geld.

Ich machte Postings, natürlich gestaltet. Ich schrieb Texte, formulierte Gedanken, suchte Bilder, baute Sichtbarkeit auf. Noch weiß ich nicht genau, wann ich damit bei Facebook und Instagram wieder aufgehört habe. Das möchte ich für diese Dokumentation noch herausfinden.

Aber etwas Wichtiges geschah trotzdem: Menschen spiegelten mir, dass sie sich durch meine Worte als Vielbegabte erkannt fühlten. Einige sagten sinngemäß, ich hätte sie „erlöst“. Sie hörten auf, an sich und ihrem Sosein zu zweifeln.

Das war keine Kundengewinnung im klassischen Sinne.

Aber es war Wirkung.

Und vielleicht war genau das der entscheidende Hinweis.

Nicht das Coachingangebot trug weiter. Nicht das geplante Online-Business. Nicht die Strategie. Sondern die Texte. Die Resonanz. Das Wiedererkennen. Die Erleichterung bei anderen Menschen, endlich Worte für sich zu finden.

Der Körper wusste es zuerstEinfache Zeichnung einer jubelnden Figur mit erhobenen Armen, daneben der Hinweis „zerrissene Fesseln“ und das Wort „Freiheit“.

Im Juli, keine drei Monate später, beendete ich das Coaching.

Häufig hatte ich nach einem Gespräch mit dem Trainer ordentlich Migräne. Mein Körper reagierte deutlicher, als ich es mir damals vielleicht eingestehen konnte.

Eigentlich war vereinbart, dass ich erst zahlen sollte, wenn ich meine erste Kundin hätte. Ich zahlte trotzdem.

Nicht, weil das Coaching zu einem tragfähigen Onlineangebot geführt hatte. Nicht, weil ich nun eine funktionierende Selbständigkeit aufgebaut hatte. Sondern weil ich frei sein wollte. Ich wollte aus dieser Verbindlichkeit heraus, aus dem Gefühl, noch etwas leisten, liefern oder erfüllen zu müssen.

Und zugleich wäre es zu einfach zu sagen, ich hätte nichts gelernt.

Ich habe viel gelernt. Nur vielleicht nicht das, was verkauft wurde.

Ich lernte etwas über Online-Sichtbarkeit, über Zielgruppen, über Geschäftsmodelle – und vor allem über mich. Über das, was ich kann. Und über das, was ich nicht mehr will.

In diesem Sinne war die Zahlung auch eine Art Freikauf. Nicht schön. Nicht günstig. Aber wirksam. Danach gehörte mein Weg wieder mir.

Und ich lernte noch etwas: wer an Strategiecoachings wirklich verdient.

Nicht unbedingt die Frauen, die daraus in wenigen Wochen ein tragfähiges Onlineangebot entwickeln sollen. Nicht diejenigen, die erst noch Sichtbarkeit lernen, eine Zielgruppe finden, ein Angebot formulieren, Vertrauen aufbauen und Kundinnen gewinnen müssen. Sondern vor allem diejenigen, die genau diesen Weg als Strategie verkaufen.

Das klingt hart. Aber rückblickend gehört diese Erkenntnis zur Entstehung von vielbegabt.de dazu.

Ich habe nicht nur gelernt, wie man ein Angebot entwickelt. Ich habe auch gelernt, wie schnell aus Unsicherheit, Aufbruchsstimmung und dem Wunsch nach beruflicher Handlungsfähigkeit ein Markt wird.

Und ich habe gelernt, dass ich nicht jedes Versprechen glauben muss, nur weil es professionell klingt. Manchmal ist die wichtigste Strategie nicht die, die einem verkauft wird. Sondern die Entscheidung, wieder auszusteigen.

Was blieb

Zwischen dem Kauf des Seitennamens und dem ersten veröffentlichten Beitrag lag ein ganzes Jahr.

Ein Jahr, in dem vielbegabt.de schon existierte – aber noch nicht als Blog. Erst war da die Idee eines Angebots. Dann kamen Strategiecoaching, Peergroup, Videos, Postings, Qualifizierungsgespräche, Ernüchterung und Ausstieg.

Und irgendwo in diesem Jahr verschob sich etwas Entscheidendes: weg vom Onlineangebot, hin zum Schreiben.

Rückblickend war dieses Jahr keine verlorene Zeit. Es war die Inkubationszeit von vielbegabt.de.

Denn eines hatte sich gezeigt: Ich konnte Menschen mit meinen Texten erreichen. Ich konnte etwas benennen, wofür andere noch keine Worte hatten. Ich konnte mit meinen Erfahrungen, Bildern und Gedanken Resonanz erzeugen.

Nur war das nicht dasselbe wie ein skalierbares Online-Business.

Es war persönlicher. Langsamer. Eigenwilliger. Weniger verkaufbar vielleicht – aber echter.

Nicht das geplante Online-Business wurde tragfähig.

Tragfähig wurden die Texte.

Und genau dort beginnt der zweite Teil dieser Geschichte: bei der Rückkehr zum Bloggen und bei der Frage, wie aus vielbegabt.de nicht meine Angebotsseite wurde, sondern mein Bloghaus.

Herzlichst, Silke

 

Übrigens: Das Beitragsbild zeigt ziemlich gut, in welcher Stimmung ich damals war: Aufbruch, Sonne, Segel, viele bunte Möglichkeiten – und mittendrin die Idee eines „krisenfesten Online-Angebots“.

Die Neurographik gehört ebenfalls zu dieser Zeit des Suchens, Sortierens und Neuverbindens.  Neurographik im Selbsttest 2019-2021: Chancen, Grenzen und ehrliche Einblicke

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