Marketingzäune – oder: Warum ich irgendwann nicht mehr mitspiele

8. Februar 2026

Fotomontage einer Wiese mit Zäunen, Schildern „Private Property – Profit Zone“ und Menschen, die Kunst und Geld tragen.

Liebe*r Couchgalerie-Besucher*in!

Vielbegabte werden oft kritisiert, weil sie nicht „dranbleiben“. Weil sie Projekte wechseln, Szenen verlassen, Interessen verlieren. Als wäre das ein Charakterfehler.

Ich sehe darin inzwischen etwas anderes: ein Muster, das mich schützt.

Denn ich gehe nicht, weil mir etwas zu schwer wird. Ich gehe oft genau dann, wenn es erfolgreich wird. Wenn Resonanz kommt. Wenn Aufträge kommen. Wenn aus einem offenen Feld ein System wird.

Und wenn Marketingzäune auftauchen.

Es beginnt fast immer gleich: mit einem offenen Feld.
Mit einem Gefühl von Entwicklung. Von Aufbruch. Von „Oh, hier darf man noch suchen“.
Menschen teilen Prozesse, zeigen Unfertiges, erzählen von Umwegen, von Scheitern, von kleinen Fortschritten. Es gibt Resonanz, Neugier, Wärme. Ein Geist von Gemeinschaft.

Und dann kippt es.

Nicht plötzlich, nicht dramatisch. Eher so wie ein Garten, in dem irgendwann nicht mehr nur Beete entstehen, sondern Zäune. Erst ein kleiner. Dann noch einer. Und irgendwann ist aus dem offenen Gelände ein Parzellenplan geworden.

Ich nenne das: Marketingzäune.

Was ich hier schreibe, ist kein Angriff auf einzelne Personen. Es ist auch kein Urteil über „die eine“ Szene oder „die eine“ Art, online zu arbeiten. Es ist mein Blick auf etwas, das ich in unterschiedlichen Kontexten immer wieder ähnlich erlebt habe – und meine persönliche Grenze dazu.

Das offene Feld

Kreativität ist für mich etwas Archaisches.
Etwas, das nicht „erfunden“ werden muss. Etwas, das nicht nach Erlaubnis fragt.
Etwas, das in uns Menschen steckt wie Sprache, wie Atem, wie Bewegung.

Wenn ich in ein kreatives Feld hineingerate, berührt mich am Anfang oft genau das:
Dass es wieder um diese ursprüngliche Ebene geht.
Nicht um Perfektion. Nicht um „Produkte“. Sondern um Prozess. Um Ausdruck. Um Spiel.

Manchmal ist es eine Technik. Manchmal ein Medium. Manchmal ein bestimmter Stil.
Manchmal ist es etwas Spirituelles. Manchmal etwas Handwerkliches.
Und manchmal ist es „nur“ eine neue Art, sich zu zeigen.

Ich habe das mehrfach erlebt:
bei Reiki,
beim Bloggen,
bei kreativen Online-Formaten,
in Social-Media-Kreisen,
bei Methoden, die Menschen wieder ans Malen heranführen.

Am Anfang war da fast immer etwas, das mich wirklich berührt hat.
Etwas Echtes. Etwas, das mich erinnert hat:
Ich bin kreativ. Ich darf. Ich kann. Ich muss nicht warten.

Der Kipppunkt

Und dann kommt irgendwann der Moment, in dem sich die Atmosphäre verändert.

Nicht, weil Menschen sich plötzlich verändern.
Sondern weil ein anderer Modus dazukommt: der Modus von Vermarktung.

Manchmal schleicht sich das ein.
Erst ganz harmlos: „Wenn du tiefer gehen willst, gibt es noch einen Kurs.“
Dann: „Ich habe dazu ein Programm entwickelt.“
Dann: „Es gibt nur noch drei Plätze.“
Dann: „Nur heute.“
Dann: „Wenn du es wirklich willst, musst du investieren.“

Es ist nicht das Geld an sich, das mich daran stört.
Menschen sollten für ihre Arbeit bezahlt werden. Natürlich.
Es ist auch nicht verwerflich, wenn jemand eine Methode strukturiert, aufbereitet, weitergibt.

Was mich irritiert, ist etwas anderes:
Wenn etwas Lebendiges zunehmend in eine Marketinglogik gerät.
Wenn aus einem offenen Feld ein System wird, in dem man plötzlich „richtig“ und „falsch“ machen kann.
Wenn Kreativität nicht mehr etwas ist, das man erlebt – sondern etwas, das man „optimiert“.

Und manchmal taucht dann dieses kleine Zeichen auf, das wie ein Zaunpfahl wirkt: ®

Ein geschützter Name.
Ein Begriff, der plötzlich nicht mehr einfach ein Wort ist, sondern ein Besitzanspruch.

Für mich fühlt sich das so an, als würde ein Teil von etwas Gemeinsamen markiert und eingezäunt. Ich kann verstehen, dass Menschen ihre Arbeit schützen möchten – und gleichzeitig merke ich, dass genau das bei mir innerlich Widerstand auslöst.

Gerade im kreativen Bereich erleben Menschen, dass ihnen Ideen geklaut werden – manchmal schleichend, manchmal dreist. Eine Formulierung, ein Konzept, ein Stil, eine Bildsprache. Und plötzlich taucht etwas, das aus der eigenen inneren Arbeit entstanden ist, woanders wieder auf – als Produkt. Lauter, schneller, besser vermarktet.

Wer so etwas erlebt hat, schützt irgendwann nicht mehr nur ein Angebot, sondern sich selbst.
Manchmal bedeutet das: den eigenen Namen zu schützen, ein Format zu schützen, einen Begriff zu schützen. Nicht aus Überheblichkeit, sondern aus Erschöpfung. Aus dem Wunsch, nicht noch einmal aus der eigenen Geschichte gedrängt zu werden.

Ich kann das verstehen. Und trotzdem bleibt für mich die Spannung:
Wie schützt man die eigene Arbeit – ohne das offene Feld zu verlieren?

Die Parzellen

Das ist der Punkt, an dem ich innerlich beginne, rückwärts zu gehen.

Weil ich spüre, dass die Luft dünner wird.
Dass das Spiel enger wird.
Dass der Raum nicht mehr „unser“ Raum ist, sondern zunehmend einem Geschäftsmodell folgt.

Es gibt dann oft eine seltsame Umwertung:

Was vorher ein Prozess war, wird zum Produkt.
Was vorher eine Suche war, wird zur Methode.
Was vorher Gemeinschaft war, wird zur Zielgruppe.
Was vorher Austausch war, wird zum Content.

Und plötzlich ist nicht mehr die Frage:
„Was passiert in mir, wenn ich das mache?“

Sondern:
„Wie kann ich daraus etwas machen, das sich verkauft?“

Und dann gibt es diese gut gemeinten Stimmen, die mir erklären, dass du daraus „doch etwas machen könntest“. Menschen, die es ehrlich gut mit dir meinen – und dich trotzdem für naiv halten, wenn du aus etwas, das du kannst, kein Angebot machst.

Manchmal gilt man als naiv, wenn man etwas kann – und es trotzdem nicht verkaufen will.

Die Verwundeten

Was mich daran nicht nur nervt, sondern wirklich traurig macht:
Viele Menschen bleiben in solchen Systemen nicht einfach nur „genervt“ zurück.

Viele werden verwundet.

Nicht nur finanziell – obwohl das oft genug passiert.
Sondern um Hoffnung.
Um Zeit.
Um Energie.
Und um das Vertrauen in die eigene innere Stimme.

Ich habe in den letzten Jahren immer wieder gesehen, wie Menschen mit einem echten Bedürfnis in ein kreatives oder spirituelles Feld kommen:
Sie wollen sich entwickeln. Sie wollen sich ausdrücken. Sie wollen sich selbst wiederfinden.

Und dann geraten sie in eine Welt aus Versprechen.

„Du musst nur…“
„Wenn du es wirklich willst…“
„Du blockierst dich selbst…“
„Du bist noch nicht bereit…“

Es ist eine Sprache, die oft so klingt, als wäre sie empowernd – und die doch sehr verletzend werden kann.
Weil sie am Ende den Menschen selbst verantwortlich macht, wenn ein System nicht trägt.

Viele sitzen irgendwann da und denken:

Ich habe versagt.

Dabei ist es manchmal einfach ein Spiel, das nicht fair gebaut ist.

Der Preis, der nicht auf der Rechnung steht

Und dann gibt es noch diesen Preis, der in keiner Rechnung auftaucht:

Die Freude.

Diese zarte, echte Freude am Tun.
Am Malen. Am Schreiben. Am Handwerk. Am Suchen.
Am inneren Prozess.

Wenn man lange genug in einem Umfeld bleibt, in dem alles zum „Angebot“ werden soll, dann passiert etwas Gefährliches:

Man beginnt, sich selbst zu betrachten wie ein Projekt.
Man beginnt, den eigenen Ausdruck zu messen.
Man beginnt, sich zu vergleichen.
Man beginnt, sich zu optimieren.

Und irgendwann ist die Frage nicht mehr:

Was will durch mich entstehen?

Sondern:

Was funktioniert?

Und das ist der Moment, in dem Kreativität stirbt.

Nicht dramatisch.
Eher leise.
Wie eine Pflanze, die zwar noch steht, aber keine Blüten mehr macht.

Mein Muster: Ich gehe

Ich habe dieses Muster nicht einmal erlebt, sondern mehrfach.

Ich habe kreativ gearbeitet.
Ich habe Resonanz bekommen.
Meine Produkte haben Menschen gefallen.
Es gab Aufträge.

Beim Bildhauen.
Beim Taschennähen.
In Projekten, die plötzlich „mehr“ hätten werden können.

Und jedes Mal kam irgendwann dieser Punkt, an dem ich gespürt habe:

Jetzt würde es ein Geschäft.
Jetzt würde es ein System.
Jetzt würde es eine Wiederholung.
Jetzt würde es ein „Mach das nochmal genauso“.

Und dann war es für mich vorbei.

Ich bin nicht gegangen, weil ich es nicht geschafft hätte.
Ich bin gegangen, weil ich es gespürt habe.

Weil ich nicht in einem Hamsterrad leben kann, das sich nach außen hin wie Erfolg anfühlt, aber innen drin wie Austrocknung.

Ich glaube, viele Menschen bleiben, weil sie denken, sie müssten.
Weil sie Angst haben, sonst etwas zu verlieren.
Weil sie den Moment verpassen, in dem es noch leicht war.

Ich habe irgendwann gelernt:
Ich verliere nicht das Wesentliche, wenn ich gehe.
Ich rette es.

Bye bye Facebook und Instagram

Social Media ist dafür ein besonders intensives Feld.

Am Anfang wirkt es wie ein Marktplatz voller Ideen.
Wie eine riesige Werkstatt.
Wie ein Ort, an dem man sich gegenseitig inspirieren kann.

Und dann merkt man:
Es ist nicht nur eine Werkstatt.

Es ist eine Maschine.

Eine Maschine, die Aufmerksamkeit in Ware verwandelt.
Die Nähe in Reichweite verwandelt.
Die Prozesse in „Content“ verwandelt.
Und Menschen in Marken.

Und irgendwann ist alles voll von Marketingzäunen:
„Link in Bio.“
„Launch.“
„Masterclass.“
„Nur noch heute.“
„Du musst sichtbar sein.“

Und spätestens dann ist es für mich vorbei.

Ich will nicht für Reichweite sichtbar sein.
Ich will lebendig sein.

Ich will nicht skalieren.
Ich will gestalten.

Ich will nicht performen.
Ich will sein.

Was bleibt

Was bleibt, ist etwas Eigenartiges:
Dankbarkeit und Ärger gleichzeitig.

Dankbarkeit für Impulse, die mich wieder ins Tun gebracht haben.
Und Ärger darüber, wie schnell aus offenen Feldern parzellierte Systeme werden.

Lange habe ich gedacht, ich müsste mich entscheiden:
Entweder dankbar oder kritisch.
Entweder begeistert oder genervt.

Inzwischen glaube ich:
Beides darf nebeneinander existieren.

Ich darf sagen:
Das hat mir geholfen.

Und ich darf gleichzeitig sagen:
Das ist nicht mein Weg.

Das offene Feld bewahren

Ich habe keine Lösung für das große Ganze.

Ich weiß nur:
Ich kann mein eigenes Feld bewahren.

Ich kann entscheiden, wo ich mitspiele und wo nicht.
Ich kann gehen, wenn die Zäune kommen.
Ich kann mich wieder dem zuwenden, was mich nährt.

Und ich kann – immer wieder – zurückkehren zu diesem einfachen Moment:

Papier.
Farbe.
Atem.
Neugier.

Ein kreatives Ja.

Ohne ®.

Liebe*r Couchgalerie-Besucher*in!

Wenn du Ähnliches erlebt hast, wünsche ich dir vor allem eins: dass du deine eigene Grenze ernst nimmst – auch dann, wenn andere sie nicht verstehen.

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