Behausung – eine Annäherung | Februar 2026: erste Behausung

12. Februar 2026

Schlafendes Baby in warmen Tüchern, umhüllt von dunkler, weicher Atmosphäre – Symbolbild für die erste Behausung im Mutterleib.

Liebe*r Couchgalerie-Besucher*in!

Im Januar habe ich mich dem Jahresthema Behausung über erste Räume genähert – äußere und innere, bewohnbare und solche, die man lieber auf Abstand hält. Im Februar führt mich das Thema weiter zurück. Nicht in die Erinnerung, sondern an einen Punkt davor: zur ersten Behausung eines Menschen auf dieser Erde.

Der Mutterleib ist ein Raum, den niemand bewusst erinnern kann. Keine Sprache, keine Bilder, keine Geschichten. Und doch ist er da – als Ursprung, als Zustand, als erste Umhüllung. Vielleicht als erstes Zuhause. Vielleicht auch als erstes Gehaltensein. Und wer weiß, was davor war.

Ich habe versucht, diesen Raum bildlich zu fassen. Nicht als medizinische Innenansicht, sondern als Annäherung: warm, dunkel, weich, umhüllt. Ein Innen, das weniger zeigt als trägt.

Im Mutterleib 

Schlafendes Baby in warmen Tüchern, umhüllt von dunkler, weicher Atmosphäre – Symbolbild für die erste Behausung im Mutterleib.

Dieses Bild zeigt kein „richtiges“ Inneres. Es zeigt ein Gefühl von Innen. Ein Kind, eingerollt, geschützt, eingewoben in etwas Warmes. Der Raum ist nicht klar begrenzt, eher wie ein schwebender Kokon. Es gibt keine Wände, nur Schichten. Keine Möbel, keine Richtung. Nur Nähe.

Vielleicht ist das die erste Behausung: nicht gebaut, nicht gewählt, nicht gedacht. Eine Behausung, die man nicht gestalten kann. Man ist in ihr. Man wird getragen. Man wächst.

Und zugleich ist dieser Raum nicht nur idyllisch. Er ist absolut. Alles hängt von ihm ab. Er ist Schutz und Abhängigkeit zugleich. Ein Anfang, der nicht erinnert werden kann – und doch vielleicht im Körper gespeichert bleibt, als Grundgefühl von Welt.

Von hier aus ist es nur ein Schritt zur nächsten Behausung: zur Wiege. Zur Welt außerhalb. Zu einem Raum, in dem das Kind nicht mehr umhüllt ist, sondern ausgesetzt – und in dem Nähe nicht mehr selbstverständlich ist, sondern von außen kommt.

Die Hände an der Wiege

Schlafendes Baby in einer Wiege, umgeben von Dunkelheit und symbolischen Händen, darüber ein Gewitter – Behausung als frühe, ominöse Atmosphäre.

Nach dem Innen folgt der nächste Raum: die Wiege. Die erste Behausung außerhalb des Körpers. Der Übergang in eine Welt, die nicht mehr umhüllt, sondern umgibt. Hier ist Nähe nicht mehr selbstverständlich, sondern kommt von außen – oder bleibt aus.

Dieses Bild zeigt ein Kind, das schläft. Es wirkt friedlich, geschützt in sich selbst. Und doch liegt über der Szene etwas Dunkles, Ominöses. Hände tauchen aus dem Halbdunkel auf, groß, übermächtig, nicht eindeutig. Sie könnten schützen – oder verhindern. Sie könnten halten – oder festhalten. Das Bild lässt diese Deutung offen.

Über der Wiege liegt Düsternis. Ein Gewitter zeichnet sich ab. Es ist nicht klar, ob es draußen ist oder im Raum selbst. Vielleicht ist es Atmosphäre. Vielleicht ist es Angst. Vielleicht ist es etwas, das in den Raum hineingetragen wird.

Das Kind bekommt davon nichts bewusst mit. Es hat keine Sprache, keine Erzählung, keine Begriffe. Es kann nicht erinnern. Und doch speichert der Körper früh etwas – als Spannung, als Grundgefühl, als nicht erklärbares Wissen.

Erst später füllen sich solche frühen Räume mit Geschichten. Mit Deutungen. Mit Erzählungen. Das Ominöse bekommt eine Form – obwohl es ursprünglich sprachlos war.

Wärme, Gewicht, Dunkelheit  – Behausung für das Nervensystem

Vielleicht führt mich Behausung im Februar nicht nur zurück zu den ersten Räumen, sondern auch zu einer sehr praktischen Frage: Wie können wir uns heute, als Erwachsene, Zustände schaffen, die dem Urzustand von Gehaltensein und Beruhigung ähneln?

Der Mutterleib ist nicht erinnerbar, aber er ist ein körperlicher Zustand: warm, dunkel, umhüllt, begrenzt, getragen. Vielleicht suchen wir genau das manchmal wieder – nicht als Rückschritt, sondern als Selbstfürsorge. Als bewusste Nachbildung eines Zustands, den das Nervensystem kennt, auch wenn wir keine Worte dafür haben.

Für mich sind das ganz konkrete Dinge: ein Bett als weiche, nachgebende Unterlage, in die man einsinken darf. Eine Gewichtsdecke. Ein Augenkissen. Wärme durch eine Heizdecke oder Wärmflasche. Ruhe. Manchmal auch eine geführte Einschlafmeditation, eine Stimme, ein Rhythmus. Kleine Behausungen im Alltag, die nichts erklären müssen. Sie wirken über den Körper.

Reife Frau mit langen dunklen Haaren schläft in einem weichen Bett unter einer Gewichtsdecke, mit Augenkissen und Wärmflasche – Selbstfürsorge als Behausung.

Vielleicht ist das eine Form von Behausung, die wir uns später selbst geben können: nicht als Ersatz für das Ungewählte, aber als etwas, das heute bewohnbar macht.

Liebe*r Couchgalerie-Besucher*in!

Vielleicht ist das meine wichtigste Erkenntnis in diesem zweiten Teil: Behausung beginnt nicht erst dort, wo wir wählen können. Sie beginnt früher – in Räumen, die wir nicht erinnern, aber vielleicht körperlich kennen. Im Innen, das warm und dunkel ist. Und in der Wiege, in der Atmosphären liegen können, bevor wir Worte dafür haben.

Und vielleicht liegt darin auch eine leise Form von Selbstfürsorge: dass wir als Erwachsene Bedingungen schaffen dürfen, die beruhigen. Nicht als Rückkehr, nicht als Erklärung, sondern als etwas, das dem Körper sagt: Du bist jetzt sicher. Du darfst loslassen. Du darfst schlafen.

Behausung ist damit nicht nur ein Thema für Bilder, sondern auch für den Alltag. Für kleine, konkrete Handlungen, die uns helfen, bewohnbar zu werden – innen.

Vielleicht magst du beim Lesen kurz innehalten und dich selbst fragen, welche Formen von Behausung du heute kennst – nicht nur als Räume, sondern als Zustände. Was beruhigt dich? Was umhüllt dich? Was gibt dir Gewicht, Wärme, Dunkelheit, Rhythmus? Und was brauchst du, um loslassen zu können?

Ich merke für mich, dass es manchmal nicht die großen Antworten sind, die helfen, sondern die kleinen, konkreten Bedingungen: ein Bett, in das man einsinken darf. Eine Decke, die hält. Wärme. Ruhe. Ein Moment, in dem der Körper versteht: Du bist jetzt sicher.

Wenn du magst, geh im nächsten Monat wieder ein Stück mit mir weiter. Ich bleibe bei diesem Jahresthema, bei diesen Bildern und Spuren – und schaue weiter, wie Behausung sich zeigt: innen, außen, im Alltag und in der Tiefe.

Ein Leben lang versuchen wir, aus dem Ungewählten etwas Bewohnbares zu machen.

Leave a Reply:

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert