Silke hat mehr als einen Vogel – Die Geier*in

2. April 2026

Frau beim Müllsammeln mit Geier auf der Schulter – Geierin als Krafttier im Alltag

Liebe*r Couchgalerie-Besucher*in!

Was weiß der Geier?

Der Geier kam nicht plötzlich.
Er hat sich nicht angekündigt.
Er war einfach da.

Der Geierrock – Ostern 2010

Applizierter Geier auf einem Rock – Symbol der Geierin als Krafttier

Zum ersten Mal bewusst begegnet ist er mir 2010.
Zu Ostern.

Damals nähte ich meinen dritten Krafttierrock.
Ich hatte mich eine Zeit lang mit der Idee der Krafttiere beschäftigt –
mit dem Gedanken, dass Tiere für bestimmte Eigenschaften stehen können.

Und ich begann, diese Eigenschaften in Stoff zu übersetzen.

Die Geierin war eines dieser Tiere.

Ich erinnere mich nicht mehr, warum ich gerade sie gewählt habe.
Aber ich erinnere mich daran, dass ich mich auf sie eingelassen habe.

Auf ein Tier, das nicht schön ist.
Nicht gefällig.
Und das doch etwas tut, was sonst kaum jemand übernimmt.

Sie nimmt, was übrig bleibt.
Und führt es weiter.

Damals bekam sie einen Platz auf einem Rock.

Frau mit Geier-Krafttier-Rock berührt eine Skulptur – Begegnung zwischen Leben, Tod und Transformation

Später auf einer Tasche.

So etwas als Rock zu tragen, war irgendwann vorbei.
Aber die Arbeit daran nicht.

Die Geierin ist geblieben.
Sie hat nur ihren Platz gewechselt.

Jetzt begleitet sie mich anders.
Alltäglicher.
Unauffälliger.

Und vielleicht auch näher.Tasche aus Filz mit applizierter Geierin, entstanden aus einem ehemaligen Krafttierrock

Eine ausführlichere Deutung habe ich damals auf weibsbeutel festgehalten:
Geierin als Krafttier

Die Geierin kehrt zurück – #ES (2024)

Viele Jahre später tauchte sie wieder auf.

Nicht mehr als Idee.
Sondern als Bild.

Vierzehn Jahre sind vergangen, seit die Geierin zum ersten Mal auf einem meiner Röcke erschien.
Ich hatte sie nicht gesucht.

Und doch war sie wieder da.

Diesmal nicht in Stoff.
Sondern in Bildern.

In meiner Serie #ES – die vielbegabte Gliederpuppe.

Dort begegnet sie mir mehrfach.
In unterschiedlichen Szenen.
In unterschiedlichen Rollen.

Mal nah.
Mal beobachtend.
Mal einfach da.

Als hätte sie nur gewartet.
Nicht auf mich – sondern darauf, wieder gesehen zu werden.

# 83/100 schützt die Natur

Geierin zwischen Müllsäcken und einer Puppe im Wald – Symbol für Transformation und das Aufräumen von Überresten

ES 87/100 im Garten des GrauensFrau im Garten mit Hühnern, darüber eine Geierin – idyllische Szene mit verstörender Ebene im HintergrundES 94/100 in Peru

Geierin über einer Frau in traditioneller Kleidung in den Anden – Verbindung zu archaischer Landschaft

Und dann veränderte sich etwas.
Die Geierin blieb nicht mehr nur Beobachterin.
Sie wurde Teil eines inneren Bildes.

Auf dem Rücken des Drachen (Juni 2025)

Geierin fliegt über einem Drachen in einer Höhle, auf dem ein Kind steht – Bild für innere Reise und Konfrontation mit Urkräften

Wozu dieses Bild entstand, weiß ich nicht mehr.

Das Ursprungsbild zeigte die Höhle, den Drachen und einen Kämpfer.
Zu meinem Bild wurde es, als ich das Mädchen auf dem Rücken des Drachen platzierte und den Geier einfliegen ließ.

Das Mädchen steht auf dem Rücken des Drachen.
Barfuß. Leicht.
Als wäre das der natürlichste Ort der Welt.

Kein Kampf.
Kein Zähmen.
Nur ein Dasein.

Über ihnen zieht die Geierin ihre Kreise.

Still. Wachsam.
Als würde sie alles sehen – und nichts bewerten.

Dieses Bild gehört für mich nicht mehr ins Außen.

Der Drache ist keine Bedrohung von außen.
Er ist das, was groß geworden ist:
Angst, Wut, Erinnerungen – vielleicht auch Kraft.

Und das Mädchen?
Vielleicht der Teil, der gelernt hat, damit zu leben.
Nicht zu besiegen.
Sondern darauf zu stehen.

Die Geierin bleibt.

Sie greift nicht ein.
Sie löst nichts.
Aber sie ist da.

Wie eine Zeugin.

Oder wie eine leise Gewissheit:

Dass selbst in der Höhle,
selbst im Angesicht des Ungeheuren,
etwas in mir weiß, wie es geht.

Von dort aus führte der Weg wieder nach draußen.
In eine andere Landschaft.

Silbergraue Novemberstimmung

aus der Farbkreisreise 2025

Das Bild zeigt eine Frau in einer trostlosen, grauen Landschaft.
Dunkle Haare, ernster Blick.
Sie sieht mir verblüffend ähnlich – und ist doch nicht ich: andere Falten, andere Brillengläser.

Frau mit Geierin auf der Schulter in karger Landschaft – die Geierin als Mahnerin und Begleiterin

Ich habe das Bild mit dem Prompt „trostloses Weltuntergangs-Szenario“ erzeugt,
den Geier später eingefügt.

Der Geier ist für mich kein Vorzeichen des Endes, sondern eine Erinnerung:
an das, was losgelassen werden will,
an das, was nicht mehr genährt werden muss,
an das, was in mir weiterleben kann, wenn ich mutig genug bin, Ballast abzuwerfen.

Im Bild sitzt er auf meiner Schulter.
Wach. Ruhig. Klar.

Und ich stehe da mitten im grauen November:
verletzlich, aber nicht ohnmächtig.

Der Geier erinnert mich daran, dass Vergänglichkeit nicht nur Verlust bedeutet –
sondern auch Freiheit, Klarheit, Ausrichtung.

Vielleicht ist genau das der Punkt:
Nicht Weltuntergang, sondern Übergang.
Nicht Ende, sondern der Moment davor,
in dem ich neu entscheide, wohin ich schaue.

Und schließlich in den Alltag.

Beim Aufsammeln

aus: #8sammeln im März 2026 – Momente statt Dinge

Frau sammelt Müll bei einem Spaziergang, begleitet von einer Geierin – Transformation im Alltag

Ich gehe durch die Stadt.
Ein ganz normaler Weg.

Hier ein Stück Plastik,
dort eine leere Verpackung.
Zurückgelassen.

Ich hebe sie auf.
Stecke sie ein.
Gehe weiter.

Die Geierin sitzt auf meiner Schulter.

Still.
Wach.
Ganz nah.

Sie kennt sich aus mit dem,
was liegen bleibt.
Mit dem, was keiner mehr haben will.

Sie wartet nicht.
Sie urteilt nicht.

Sie bleibt.

Liebe*r Couchgalerie-Besucher*in!

Was weiß der Geier?

Vielleicht mehr, als ich lange gedacht habe.

Die Geierin ist keine schöne Begleiterin.
Keine, die sich in den Vordergrund drängt.

Sie kommt, wenn etwas endet.
Wenn etwas liegen bleibt.
Wenn andere längst weitergegangen sind.

Sie bleibt, wo es unbequem wird.

Sie schaut hin.
Ohne Urteil.
Ohne Eile.

Und sie tut, was getan werden muss.

Nicht laut.
Nicht spektakulär.

Aber konsequent.

Ich habe sie auf einen Rock gesetzt.
Ich habe sie in Bilder geholt.
Und irgendwann habe ich gemerkt:

Sie ist längst Teil meines Blicks geworden.

Vielleicht ist das ihr Wissen:

Dass nichts einfach nur verloren ist.
Dass etwas weitergehen kann.
Anders.

Dass im Loslassen auch eine Form von Fürsorge liegt.

Und dass Veränderung nicht immer im Großen beginnt.

Sondern genau hier.

Bei dem, was übrig bleibt.
Und dem, was ich daraus mache.

Und irgendwo über mir – oder in mir – zieht sie weiter ihre Kreise.

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