Behausung – eine Annäherung | März 2026: Zuflucht aus Stoff

6. März 2026

Frau sitzt in einer Höhle aus Vorhängen und Stoffen, neben ihr ein Bär – textile Behausung als ambivalenter Zufluchtsraum.

Liebe*r Couchgalerie-Besucher*in!

Wie textile Behausungen in mein Projekt kamen

Die textile Behausung stand ursprünglich gar nicht auf meiner Liste möglicher Beiträge. Sie tauchte erst auf, als ich zufällig auf ein Buch mit dem Titel „Gespannte Textilien: Schirm – Kleid – Baldachin – Pneu – Zelt. Unterrichts- und Lehrmaterial zu Behausungen für Kinder und Jugendliche der 1.–6. Klassen des Textil-, Kunst- und Sachunterrichts“ stieß.

Eigentlich wollte ich es gar nicht kaufen – der Preis hat mich zunächst abgeschreckt. Aber der Gedanke ließ mich nicht mehr los. Schließlich habe ich ein Exemplar gebraucht gefunden und bestellt. Noch bevor das Buch angekommen ist, hat es bereits eine Spur in meinem Projekt über Behausungen gelegt.

Kein Höhlen bauendes Kind

Als ich begann, über textile Behausungen nachzudenken, tauchte schnell das Bild der Deckenhöhle auf. Viele Menschen erzählen davon: Stühle werden zusammengeschoben, Decken darüber gelegt, ein kleiner Raum entsteht.

Bei mir war das anders. Ich war kein Höhlen bauendes Kind.

Mein Rückzugsort war mein Kinderzimmer. Dort konnte ich allein sein, mit meinen Gedanken, mit meiner Fantasie. Vielleicht noch das Puppenhaus, in dem zunächst kleine Figuren lebten und später die Barbies einzogen. Auch das war eine Form von Behausung – nur im Maßstab verkleinert.

 

Fantasieräume

Das Thema Zelt kam erst viel später. Als Teenager habe ich mit einer Freundin im Garten gezeltet. Die Dorfjungs kamen vorbei, und irgendwann gab es dort auch den ersten Kuss. Aber das gehört wahrscheinlich schon zu einem anderen Thema: Zelt.

Interessant ist für mich heute, dass ich als Kind keine Höhlen gebaut habe – sie mir aber oft vorgestellt habe und noch tue. In Gedanken konnte ich Räume einrichten, die geschützt waren, weich, abgegrenzt.

 

Rückzugsräume für Kinder

Auch im Kindergarten erinnere ich mich nicht an Höhlen. Unsere Erzieherin wollte uns immer im Blick behalten. Rückzugsräume waren dort nicht vorgesehen.

Später, als ich selbst Erzieherin wurde, habe ich das anders gesehen. Ich habe ein Tischzelt gekauft. Ein kleiner Raum unter dem Tisch, in den Kinder hineinschlüpfen konnten.

Vielleicht war das meine eigene späte textile Behausung – indirekt gebaut für andere.

Zuflucht aus Stoff

Als ich begann, mich intensiver mit textilen Behausungen zu beschäftigen, wollte ich zunächst einfach sehen, wie ein solcher Raum aussehen könnte. Nicht als Zelt oder Baldachin im klassischen Sinn, sondern als textile Höhle: ein Innenraum aus Stoff, Vorhängen, Decken, Schichten.

So entstand dieses Bild.

Frau sitzt in einer Höhle aus Vorhängen und Stoffen, neben ihr ein Bär – textile Behausung als ambivalenter Zufluchtsraum.

Die Höhle selbst wurde zuerst als Raum erzeugt – eine Art Bühne aus Stoff. Danach habe ich Elemente eingefügt. Verschiedene Frauen habe ich ausprobiert. Diese hier blieb. Sie bringt eine Stimmung in den Raum, die sich nicht sofort erklären lässt.

Und dann kam der Bär dazu.

Wer lebt in Höhlen? Ein Drache war mir zu märchenhaft. Der Bär war näher. Ein Tier, das sich zurückzieht, überwintert, schläft. Aber auch ein Tier, das gefährlich sein kann.

Die Frau weiß nicht, welcher Bär vor ihr steht.

Vielleicht weiß sie auch nicht, ob diese textile Höhle wirklich Schutz bietet. Sie wirkt nicht wie ein Raum, den sie selbst gebaut hat. Eher wie eine Zuflucht.

Nicht jede Behausung ist ein Zuhause. Manchmal ist sie einfach ein Ort, an dem man für eine Zeit Schutz sucht – ohne zu wissen, ob er wirklich hält.

Zuflucht auf Zeit

Vielleicht ist das das Besondere an textilen Behausungen: Sie entstehen schnell. Ein Stoff wird gespannt, ein Vorhang gezogen, eine Decke über etwas gelegt – und plötzlich entsteht ein Innenraum.

Solche Räume haben keine festen Mauern. Sie können wieder verschwinden. Vielleicht sind sie gerade deshalb oft Zufluchtsorte. Orte, die man betritt, wenn man für eine Zeit Schutz sucht.

Im Bild bleibt offen, was dieser Raum wirklich bietet. Der Bär kann schlafen, beschützen oder gefährlich sein. Die Frau weiß nicht, welcher Bär vor ihr steht.

Vielleicht kennen wir solche Räume auch im eigenen Leben.

Manche Behausungen sind eindeutig. Andere sind ambivalent. Sie geben Schutz – und lassen gleichzeitig eine gewisse Unsicherheit bestehen.

Zum Weiterdenken

Liebe*r Couchgalerie-Besucher*in!

Vielleicht magst du beim Betrachten dieses Bildes einmal an deine eigenen textilen Behausungen denken. Gab es solche Räume in deinem Leben? Deckenhöhlen, Zelte, Vorhänge, Baldachine – Orte aus Stoff, in denen ein kleines Innen entstanden ist?

Oder vielleicht auch nur in der Fantasie.

Und vielleicht kennst du auch diese andere Erfahrung: einen Raum zu betreten, der Schutz verspricht, ohne dass ganz sicher ist, ob er ihn wirklich bietet.

Behausungen sind nicht immer eindeutig. Manchmal sind sie genau das: eine Zuflucht aus Stoff.

 

Das erwähnte Buch habe ich selbst gekauft. Der Hinweis erfolgt ohne Kooperation oder Vergütung.

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