Aktbilder-Chronik Teil 2 – Ausflug in Akt und Skulptur

22. August 2025

Liebe*r Couchgalerie-Besucher*in!

Willkommen zurück zu meinem Streifzug durch die Welt des Aktes – diesmal nicht auf Papier, sondern im Stein und Ton.

Nachdem ich im ersten Teil dieser Serie einige meiner frühen Aktzeichnungen gezeigt habe, geht es nun um die plastische Auseinandersetzung mit dem Körper: ums Formen, Wegnehmen, Herausarbeiten. Um den Dialog mit einem groben Steinblock oder einem unfertigen Stück Ton. Um Figuren, die entstehen – und manchmal auch unfertig bleiben.

In diesem Beitrag zeige ich dir drei sehr persönliche Arbeiten:

  • den weiblichen Torso aus Sandstein, an dem ich über ein Jahr gearbeitet habe,
  • eine sitzende Frau, die unvollendet blieb und heute verschollen ist,
  • sowie meine kleine Lichtgöttin aus Ton, die mich seit über 25 Jahren begleitet.

Jede dieser Figuren erzählt etwas anderes – über Körperlichkeit, Weiblichkeit, Zweifel, Würde und Werden. Manche stehen heute im Garten, manche auf einem besonderen Platz, manche vielleicht im Keller oder in der Erinnerung.

Vielleicht erkennst du dich in einer der Figuren wieder. Oder du spürst einfach den Prozess des Suchens und Gestaltens mit.
Ich wünsche dir viel Freude beim Schauen, Erinnern und Entdecken.

 

Der weibliche Torso aus Sandstein (Juli 1997–August 1998)

Nach meinen ersten beiden Arbeiten – zwei Köpfen, die in VHS-Wochenendkursen entstanden – wagte ich mich 1997 erstmals an einen Körper: einen weiblichen Torso. Es war meine dritte Skulptur und zugleich das erste Mal, dass ich mich an eine Körperform wagte – nicht die Darstellung eines ganzen Körpers, sondern die Reduktion auf den Rumpf: kraftvoll, weiblich, ausdrucksstark.

  • Material: Friedewälder Sandstein
  • Maße: 73x40x40 cm
  • Bearbeitungszeit: Ein Jahr – fast immer samstags für drei Stunden
  • Ort: im Nachbardorf
  • Tauschprojekt: Für 3 Bildhauerstunde am Samstagmorgen übernahm ich an einem Nachmittag für drei Stunden die Kinderbetreuung der Familie – ein kreatives Tauschgeschäft, das mir nicht nur Zeit, sondern auch Raum fürs Gestalten schenkte. Hintergrund ich arbeitet damals als Erzieherin in Teilzeit ergo ich hatte Zeit und wenig Geld.

Bearbeitungsprozess in 5 Bildern

Die fünf Prozessbilder dokumentieren den langen Weg vom groben Sandsteinblock zur geformten Skulptur. Besonders faszinierend ist für mich bis heute die Rückseite: Mit ihren kraftvollen Linien und Bruchkanten wirkt sie roh, archaisch – fast so, als hätte sich der Stein selbst in diese Form gebracht.

Tatsächlich aber hatte der Stein auch seine Schwächen: Er war porös, bröselig, stellenweise fragil. Irgendwann fiel eine Schulter ab, und eine der Pohälften musste mit Kleber stabilisiert werden – dafür bohrten wir Löcher und füllten sie ein.

Hinzu kam meine Unerfahrenheit: Während der Bildhauer mit einem gezielten Schlag Form schuf, brauchte ich viele kleine Schläge, um mich überhaupt erst heranzutasten. Das verlangsamte nicht nur den Prozess, sondern setzte dem Material zusätzlich zu. Und dennoch – oder gerade deshalb – war es ein intensiver, lehrreicher Weg.

Foto(s) aus der Zeit danach

27 Jahre später – Spuren der Zeit

Diese beiden Fotos zeigen den Torso im Jahr 2019, also 26 Jahre nach Fertigstellung. Schon lange steht die Figur im Garten – nicht mehr geschützt im Innenraum, sondern den Jahreszeiten und der Witterung ausgesetzt. Das Material hat sich sichtbar verändert: Die Oberfläche wirkt matter, stellenweise dunkler. Moos hat sich an der Basis angesiedelt und bildet ein grünes Band, das sich harmonisch in das umliegende Pflanzengeschehen einfügt. Die ursprüngliche helle Sandsteinfarbe hat sich durch Regen, Frost, Sonne und Schatten nuanciert – zwischen warmen Grau- und Ockertönen.

Was einst frisch behauen und klar gezeichnet war, trägt heute die sanften Spuren von Alter und Vergehen. Für mich macht das die Figur nicht schwächer, sondern stärker – sie ist geerdet, eingebettet, ein Teil des Gartens geworden. Die gelben Blüten des Gilbweiderichs, die sie umgeben, wirken wie ein lebendiger Rahmen.

Die sitzende Frau- unvollendet und verschollen (1998)

Diese Figur entstand 1998 – aus einem groben Sandsteinbrocken, den ich zu Hause bearbeitete. Geplant war eine sitzende Frau, eingebettet in die natürliche Form des Steins. Erste Ansätze von Körper, Haltung und Oberfläche wurden sichtbar, doch ich brach die Arbeit ab, bevor sie vollendet war.

Die Figur gefiel mir nie wirklich – irgendetwas an Proportion, Haltung oder Ausdruck blieb für mich unfertig, unausgewogen. Und so fand sie ihren Platz in der Ecke meines Balkons: als stilles Fragment, als Zeugin eines Versuchs.

Mit der Zeit rückte sie in den Hintergrund. Ich überlies sie sich selbst – Wind, Regen, Zeit. Dann räumte ich sie irgendwann weg, ich weiß nicht wohin, doch irgendwo muss sie noch sein.

Trotzdem gehört sie zu meinem bildhauerischen Weg. Sie zeigt etwas über das Zulassen von Abbruch und Scheitern, über das Loslassen von Erwartungen – und darüber, dass nicht jedes Werk zu einem Abschluss finden muss. Manche bleiben ein Zwischenton.

Die Lichtgöttin – Hüterin des inneren Feuers (Ton, Ende 1990er)

„In der inneren Welt der Frau liegt eine Quelle der Kraft, die nicht von außen kommt.“
– Jean Shinoda Bolen, Die Göttinnen in jeder Frau

Ton, ungebrannt, Maße: ca. 16 × 12 × 12 cm

Diese kleine Tonfigur entstand Ende der 1990er Jahre als freies Projekt, also ohne Kurs oder Vorgabe – intuitiv modelliert, inspiriert durch meine Auseinandersetzung mit den Göttinnen in jeder Frau, wie Jean Shinoda Bolen sie beschreibt. Ich hatte das Buch (und andere) nicht nur gelesen, sondern auch immer wieder kreativ weitergedacht – in Bildern, Formen, Symbolen.

Die Lichtgöttin sitzt mit ruhiger Miene, die Beine locker überschlagen, in einer schützenden Nische oder einem langen, umhüllenden Mantel. Unten – zwischen ihren Füßen – befindet sich eine Mulde für ein Teelicht, das sie von unten her beleuchtet. Die Figur ist unglasiert, roh, erdig – was sie besonders nahbar macht.

Ich lese in ihr mehrere Archetypen wieder:

  • Hestia – als Hüterin des Herdfeuers und der inneren Mitte: Das Teelicht wird zum heiligen Funken, der Raum zur kleinen Hauskapelle.
  • Aphrodite – in der selbstverständlichen, schöpferischen Sinnlichkeit ihres unbekleideten Körpers. Aktdarstellung ohne Pose – ein Ja zum Körper, Ton wird zur leuchtenden Gestalt.
  • Demeter – nährend und schützend – im ummantelnden, geborgenen Raum, der fast wie eine Höhle wirkt.
  • Hera – in der würdevollen Haltung der Thronenden, die für sich steht. Das thronartige Sitzen gibt der Figur Souveränität.

Wenn das Teelicht brennt, scheint die Figur von innen heraus zu leuchten. Für mich ein Bild für Selbstmitte, wärmende Präsenz und kreative Weiblichkeit – zart, stark und zeitlos.

Bewusst wurde die Figur nicht gebrannt, da ich damals keine Möglichkeit zum Brennen hatte – und weil ich spürte, dass das Risiko, sie beim Brennprozess zu verlieren, hoch gewesen wäre. In ihrer Ungebranntheit liegt für mich eine eigene Kraft: Sie ist vergänglich, verletzlich – und kann irgendwann der Natur wieder übergeben werden. Trotz ihrer Zerbrechlichkeit hat sie über 25 Jahre überdauert, nur ein paar Zehen gingen verloren. Vielleicht, weil sie stets ihren Platz hatte – als kleine Hüterin des Lichts auf einem Tisch, Regal oder Altar.

Liebe*r Couchgalerie-Besucher*in!

Manche meiner Skulpturen stehen noch da –
verwittert, berührt von Zeit und Wetter.
Andere sind verschwunden oder schlicht aus meinem Blick geraten.
Und doch tragen sie alle etwas in sich: eine Geste, einen Versuch, eine Spur.

In Stein zu arbeiten war für mich etwas anderes als zu zeichnen oder zu malen.
Es verlangte Geduld, Kraft, Entschleunigung –
und die Bereitschaft, Fehler nicht zu überdecken, sondern stehenzulassen.

Was blieb, sind Figuren, die sich dem schnellen Blick entziehen:
Körper ohne Gesicht, Körper mit Haltung.
Fragmente, Verdichtungen, Formen.

Mit diesem zweiten Teil der Aktbilder-Chronik
endet mein kleiner Ausflug in den Bereich der Skulptur – fürs Erste.

Im nächsten Teil geht es wieder zurück aufs Papier:
zu weiteren Akten in Zeichnung, Skizze und Farbe.
Und danach – vielleicht – zu einer neuen Ebene:
KI-generierte Aktbilder, ein Spiel mit digitaler Körperlichkeit.

Danke fürs Mitkommen.
Ich freue mich, wenn du weiter durch meine Couchgalerie streifst –
oder einfach ein Stück verweilst.

2 People reacted on this

  1. Ich finde die Bildhauerei einfach sehr beeindruckend. Das so etwas Massives nach und nach eine Form findet. Von aussen nach innen. Das ist so ein ganz anderer Schaffensweg für mich als das was ich z.B. bei Ton iam Kopf habe. LG

    1. Liebe Christine,
      Ich finde diesen Unterschied auch spannend: Beim Bildhauen geht es ums Reduzieren – ums Finden durch Weglassen. Und was weg ist, ist weg. Beim Ton eher ums Entstehen lassen durch Hinzufügen. Doch wegnehmen kann ich beim Ton ja auch. Vielleicht auch zwei Arten, sich der eigenen Kreativität zu nähern.
      Herzliche Grüße Silke

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