Ein Huhn namens Änne – ein weiteres künstlerisches Hühnerportrait

3. Februar 2026

Nahaufnahme des Vorwerkhuhns Änne im Oktober 2021. Ihr Blick geht direkt in die Kamera, die weiße Ohrscheibe hebt sich vom dunklen Gefieder ab. Ein ausdrucksstarkes Porträt, das Nähe und Persönlichkeit zeigt.

Liebe*r Couchgalerie-Besucher*in!

Hallo, ich bin Änne.

Änne, ein junges Vorwerkhuhn, steht aufrecht auf einer Holzrampe und blickt neugierig in die Kamera.

Ich bin ein Vorwerkhuhn – goldbraun, schwarz gerändert, mit weißer Ohrscheibe und viel Haltung.
Im Sommer 2021 bin ich bei Stephan und Silke eingezogen. Damals war ich noch ganz jung und neugierig – ein bisschen schüchtern vielleicht, aber wach und klug. Ich habe viel beobachtet. Und später auch sehr klar gezeigt, was ich will.

Zusammen mit meiner Freundin Alma kam ich über einen Züchter, der Silke bislang stets gesunde eigene Tiere vermittelt hatte. Doch bei uns war schnell klar: Etwas stimmt nicht. Alma sah gerupft aus, putzte sich auffällig viel. Wir waren schreckhaft, unruhig – und todesmutig an der Futterschüssel. Wir Neulinge kamen sofort in Quarantäne.

Vermutlich stammten wir aus einem Hühner-Messie-Haushalt, vermittelt ohne große Rückfragen. Silke nannte uns manchmal liebevoll ihre „Pflegefälle“ – nicht abwertend, sondern mit zärtlicher Selbstironie. Und sie behielt uns.

Wir brachten Federlinge, Würmer und ein paar Herausforderungen mit. Silke lernte, woran man Federlinge erkennt, wie man entwurmt, was chronisches Niesen bedeutet – und was es heißt, sich wirklich zu kümmern. So entstand Nähe, gegenseitiges Vertrauen und eine enge Bindung. Vielleicht, weil von Anfang an alles ein bisschen wackelig war – aber auch besonders.

Im Dezember 2023 bin ich gestorben. Plötzlich, aber nicht ganz unerwartet – nach nur etwas mehr als zwei Jahren. Silke kann bis heute kaum fassen, dass es so kurz war.

Hinweis: Dieser Beitrag enthält auch Bilder meines letzten Tages und thematisiert Krankheit, Tod und Abschied. Bitte achte gut auf dich, wenn du weiterliest.

Jetzt bekommst du diesen Beitrag, damit du mich kennenlernen oder dich an mich erinnern kannst.

Im Hühnerporträt Änne erzähle ich dir, wie ich gelebt habe, was ich durchgemacht habe, wie ich mich verändert habe – und wie ich Silke zur Kunst inspiriert habe.

 

Änne humpelt

27. Oktober – 20. November 2021 – 25 Tage zwischen Bangen und Hoffen

Ende Oktober 2021 beginnt Ännes Geschichte erstmals zu kippen.
An einem merkwürdig stillen Morgen bleibt sie auf der Stange sitzen, während die anderen Hühner längst im Gehege sind. Als ich sie behutsam nehme, versucht sie zu fliehen – kommt aber kaum vorwärts. Sie humpelt, knickt weg, kann ihr linkes Bein nicht belasten. Ich finde keine äußeren Verletzungen. Aber etwas stimmt nicht.

uhn mit braunem Gefieder und schwarzem Hals ruht verletzt am Boden eines Geheges, Blick durch ein Drahtgitter nach draußen. Eine grüne Wassertränke steht daneben.

Ich bringe Futter und Wasser direkt zu ihr. Eine der anderen Hennen bleibt bei ihr. Ich rufe bei der Tierärztin an. Und hoffe. Für sie – und für mich.

Am nächsten Tag sitzen wir zu dritt im Wartezimmer: Alma, Änne und ich. Die Tierärztin ist ratlos, gibt etwas gegen die Schmerzen und Hoffnung, dass das wieder wird.

Änne und Alma sitzen eng aneinandergeschmiegt im Transportkorb auf dem Weg zur Tierärztin. Man sieht sie durch die runde Öffnung des durchsichtigen Deckels.
Aber zurück im Stall wird die Situation erstmal schlimmer: Die anderen hacken auf sie ein, sie weicht nicht aus, wird verletzt. 

Frau mit Brille und blauem Pullover hält ein verletztes Huhn sanft im Arm. Beide wirken ruhig und verbunden.

Bunt kolorierte Skizze einer nachdenklichen Frau mit Brille, die ein Huhn im Arm hält. Daneben handschriftlich: „liebevoll-besorgte Hühnermutter“.
Zeichnung eine Bekannten

Hühner im Badezimmer

Also hole ich sie rein. Erst in die Waschküche.Änne sitzt nach ihrer Verletzung im Innengehege und schaut wachsam aus dem Gitter. Vor ihr steht ein Napf mit Mehlwürmern, Hackfleisch und Hirse.

Dann ins Bad. Dort ist es wärmer.

Änne sitzt im Bad in einem provisorischen Innengehege unter einer Wärmelampe. Vor ihr steht ein Napf mit Futter. Auf dem Boden liegen englischsprachige Ausdrucke zum Thema Hühneranatomie.
Änne mit Rotlicht, davor Englisch-Vokabeln

In den folgenden Tagen lebt Änne dann im meinem Bad. Sie frisst, aber bewegt sich kaum. Manchmal liegt sie stundenlang still. Ich leiste ihr Gesellschaft und lerne die passenden Englisch-Vokabeln dazu.

„Änne eingerollt wie eine Muschel“  (31.Oktober 2021)

Und ich zeichne sie – als Form der Sorge, aber auch als Versuch, sie mit meiner Aufmerksamkeit zu halten. Diese Zeichnungen gehören zu den ersten, die ich von ihr gemacht habe. Sie wirken ruhig, fast meditativ – genau wie diese eigenartige Zeit in der Schwebe.

Liegendes Huhn mit aufgerichtetem Kopf, in blauer Tinte gezeichnet

 

In dieser ungewöhnlichen Pose liegt Änne ganz eingerollt – fast wie eine Muschel oder ein ammonitenförmiges Fossil. Es war ein Moment tiefer Ruhe, vielleicht auch Rückzug. Der Schnabel ruht auf dem Boden, das Auge ist geöffnet. Die spiralförmige Haltung wirkt symbolisch – als würde sie sich auf einen inneren Weg begeben. Ich habe sie so gesehen und festgehalten, während sie im Bad lag, schwach und gleichzeitig voller geheimnisvoller Kraft.

In sich eingerolltes Huhn, spiralförmig gezeichnet mit blauer Tinte

Mit Gesellschaft geht’s besser

Alleinsein ist schwer – besonders, wenn man verletzt und geschwächt ist. Also zog Alma mit ins Bad. Die beiden bekamen ein Doppelgehege. Alma brachte nicht nur Gesellschaft mit, sondern auch frischen Schwung in Ännes Welt: Leckerlis wurden nun wieder interessanter, und mit der vertrauten Freundin in Sichtweite kehrte langsam die Neugier zurück.

Provisorisches Doppelgehege im Badezimmer: Zwei zusammengestellte Gitterkäfige mit Futter- und Wassernäpfen. Änne und Alma teilen sich den geschützten Raum.

Bald standen sie Seite an Seite auf den Fliesen – Änne noch etwas unsicher, Alma stets wachsam. Es war berührend zu sehen, wie viel Kraft aus dieser kleinen Hühnerfreundschaft erwachsen konnte. Schritt für Schritt – oder besser: Taps für Taps – kam Änne zurück auf die Beine.

Änne und Alma stehen dicht beieinander auf den Fliesen im Bad. Alma wirkt wachsam, Änne sucht Nähe und Orientierung. Ein Moment von Hühnersolidaritä

Rückkehr ins Leben

Mitte November zeigten sich die ersten Fortschritte. Ich motivierte sie mit Mehlwürmern – und siehe da: Sie lief wieder. Ungewöhnlich, zackig, fast wie im Stechschritt. Und ganz Änne: hartnäckig, lautstark und sehr bestimmt, wenn es ums Futter geht.

Am 20. November kehrten Alma und sie gemeinsam zurück zur Herde.

Durch das viele Liegen hatte sich bei Änne ein Geschwür gebildet, das später abfiel. Und irgendwann war auch ihr Laufbild wieder ganz normal.

Füße üben – Änne steht Modell (03.12.2021)

Kurz danach: Änne in der Mauser – das sprichwörtlich gerupfte Huhn.

Für meine Zeichenübung „Füße“ stand Änne mir Modell – mit genau diesem Foto (Dezember 2021)

Braun-schwarzes Huhn der Rasse Vorwerk steht auf einer Stange, Blick leicht zur Seite vor heller Wand.

Zu sehen ist sie mitten in der Mauser: Das Gefieder wirkt struppig, unvollständig, ein bisschen zerrupft. Und doch steht sie da – aufrecht, stolz, mit leicht skeptischem Blick. Ihre Haltung bringt ihre Persönlichkeit gut zur Geltung: wach, präsent, voller Würde.

Mit ihrem braun-goldenen Körper, dem tiefschwarzen Hals und den roten Akzenten am Kopf war sie eine Schönheit – auch in der Übergangszeit. Die Zeichnung dazu ist locker, spielerisch. Und doch fängt sie etwas ein: den Ausdruck, die Haltung, vielleicht sogar einen Hauch Eitelkeit.

Braunes Huhn mit roten Gesichtspartien steht auf einer Stange, gezeichnet mit Marker und Aquarell

Änne als Muse – auch in Eis

Eine fotografierte Eispfütze vom 23. Dezember 2021 diente als Grundlage für dieses Bild.

Fotografierte Eispfütze mit gefrorenen Mustern, Laub und Frost am Rand – dient als Grundlage für eine spätere Zeichnung.

Die kleine Zeichnung entstand spielerisch – mit einem Huhn auf dem Bauch und großen Augen voller Überraschung. Eines der wenigen Bilder aus der froozenpuddle-Serie, der Wintervariante der Kategorie: #malenimwald.

Collage aus Eispfützen-Foto und digitaler Zeichnung: Eine Figur liegt in violettem Kleid, ein Huhn sitzt auf ihrem Bauch – verspielt und humorvoll.

Ein Moment mit Änne – 2022 – ein Video

Es gibt nur wenige Fotos aus diesem Jahr, aber dieses kurze Video sagt mehr als viele Bilder:
Änne steht im Nest, schaut mich an und gackert – nicht einfach so, sondern im klaren Dialog. Sie war eine, die antwortete. Eine, die dabei war.

 

 

Ein letztes Aufbäumen

Im Laufe des Jahres 2023 verschlechterte sich Ännes Zustand. Sie hatte wiederholt Legedarmentzündungen – schmerzhaft, erschöpfend, einmal auch lebensbedrohlich. Um ihr weiteres Leiden zu verhindern, begann im Mai eine tierärztlich begleitete Hormonbehandlung mit Testosteron. Ziel war es, das Eierlegen zu stoppen – und damit die immer wiederkehrenden Entzündungen.

Nach der ersten Spritze im Mai, eine zweite folgte Ende Oktober, veränderte sich Änne sichtbar. Ihr Kamm wuchs, sie wurde lauter, selbstbewusster – und versuchte sogar zu krähen. Männliche Hormone eben.
Aber es war auch: ein letzter Auftritt. Ein Aufbäumen. Eine neue Version ihrer selbst – trotzig, wach, stolz.

Ob die Behandlung ihren Tod beeinflusst hat? Ich weiß es nicht.
Was ich weiß: Sie hat dadurch noch einmal Wochen voller Präsenz erlebt.
Und ich habe ihr diese Zeit geschenkt, weil ich sie kannte, weil ich sie mochte – und weil ich sie schützen wollte.

Ännes Todestag 03.12.2023

Am 3. Dezember 2023 fand ich Änne im Gehege – sie war noch da, aber sie lebte nicht mehr. Am Mittag hatte ich sie zuletzt gesehen. Ihr Tod kam plötzlich, ohne Vorzeichen, doch nicht unerwartet. Ich war überrascht. Und sehr traurig.

Änne am 3. Dezember 2023 – wenige Minuten nach ihrem Tod, gehalten von einer behutsamen Hand.“

In den Tagen nach ihrem Tod habe ich Fotos durchgesehen, Stoffe in die Hand genommen und an das andere Huhn gedacht – das Fantasiehuhn, das ich kurz zuvor genäht hatte. Es war wie eine Vorbereitung gewesen, ohne dass ich es wusste. Und dann entstand sie: Änne – aus Stoff, Erinnerung und Zuneigung.

Vom Fantasiehuhn zur echten Änne – Mein künstlerischer Weg in Stoff, Erinnerung und Zuneigung

Das Fantasiehuhn zuerst (November 2023) – Änne folgte (Dezember 2023)

Bevor ich begann, ein echtes Huhn zu porträtieren, war da dieses andere Wesen:
ein Fantasiehuhn, entstanden aus einem Pinterest-Bild, einer Idee, einem Nähdrang.
Ich wollte nur etwas ausprobieren – mit Stoffen, Garnen, Stecknadeln.
Und plötzlich blickte mich dieses bunte Federtier an: wild, eigensinnig, ausdrucksstark.
Es war wie ein kleiner Vorbote.

Wie ein Huhn entsteht – nicht aus einem Ei, sondern aus Stoff und Mut

Am Anfang war nichts als Stoff.
Und eine Idee.

Dann: Stecknadeln.
Rote Zacken werden Kamm, ovale Stoffreste zu Augen, ein helles Dreieck zum Schnabel.
Die ersten Federn flattern noch lose. Manche Stoffe lachen, andere flüstern.
Nichts ist final, aber alles fühlt sich möglich an.

Ich arbeite mich vor, Stück für Stück, Schicht für Schicht.
Male nicht mit Farbe, sondern mit Mustern: Punkte, Karos, Blümchen, Streifen.
Und ganz nebenbei entsteht Ausdruck. Persönlichkeit. Haltung.

Die Augen? Aus Stoff, mit Stichen modelliert.
Der Ast? Ein letzter Gruß aus dem Wald.

So hängt es da – mein Fantasiehuhn.
Stolz, bunt, ein bisschen schrullig.
Und vielleicht der Anfang von allem.

Aus Stoff wird Änne 

Ich ahnte damals nicht, dass dieses Huhn etwas in mir öffnet:
eine neue Form des Porträtierens. Eine Nähe zur Tierseele.
Eine Möglichkeit, zu verarbeiten, was ich liebe – und irgendwann verliere.

Erst danach kam Änne.
Ganz anders als das bunte Huhn – zurückhaltender, würdevoller.
Aber vielleicht wären diese stillen, persönlichen Arbeiten gar nicht entstanden,
hätte das Fantasiehuhn nicht zuerst seinen Platz beansprucht.

Stoffauswahl, Stecknadeln, Nähfäden: Der Weg zu Änne

Es beginnt mit Stoffen.
Mit einem Stapel voller Farben, Muster, Texturen – und dem Foto (21.08.2022) einer, die da war.
Ich suche, vergleiche, lege nebeneinander, entscheide mich für Braun und Rosé, Altrosa, Wollwebung, schwarzen Samt.

Dann schneide ich die ersten Formen, lege sie auf das Bild. Noch ist alles offen, tastend, suchend.
Mit jeder Stecknadel wird Änne greifbarer: Brust, Rücken, Hals, der ruhige Blick zur Seite.
Ein Knopfauge liegt bereit – erst in der Hand, dann auf dem Stoff. Und irgendwann trifft es mich: Da ist sie.

Diese Galerie zeigt nicht einfach eine Technik.
Sie zeigt einen Weg.
>Vom Erinnern zum Gestalten. Vom Foto zum Stoffbild.
>Vom echten Huhn zum genähten Porträt.

Liebe*r Couchgalerie-Besucher*in!

Zum Abschied

Änne war mehr als ein Huhn.
Sie war oft krank, manchmal schwierig, immer besonders – und sie hat mich mehr als alle anderen inspiriert.
Sie stand mir Modell für Zeichnungen, Collagen und kleine Alltagsbeobachtungen. Und oft auch für das, was nicht gesagt wurde.

Sie lebt weiter – in meinen Bildern, in meinen Erinnerungen und an dem stillen Platz in meinem Herzen, den sie sich einfach genommen hat.

Danke, Änne.

Wenn du noch mehr über meine Hühner und die Anfänge meiner Hühnerkunst erfahren möchtest, schau dir auch Dolores – Ein Hühnerporträt & der Start meiner Hühnerkunst-Serie
an.

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